Kurzgeschichte: Herr Schmidt

rote Blume

Eine Trennung, eine Blume und ganz viele Nicht-Worte.
Denn Kommunikation findet auf so vielen Wegen und Ebenen statt. Manchmal in Worten, manchmal in Schweigen oder auch durch Taten. Und Blumen. Um Himmelswillen, vergesst die scheiß Blumen nicht! Und wer ist überhaupt dieser Herr Schmidt?
Das musst du schon selbst herausfinden.

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Diese Kurzgeschichte habe ich bei der Preisverleihung des ersten Landschreiber-Wettbewerbs vortragen dürfen. Sie war zum Thema „Mit Sprache über Sprache“ und ergatterte den Förderpreis für junge Autorin. Der ganze Spaß fand am 17.03.13 auf der Buchmesse Leipzig statt.


Herr Schmidt

Da steht sie. Mit schiefgelegtem Kopf und zusammengekniffenen Augen. Er stattdessen fuchtelt hilflos mit den Armen herum, ganz in der beharrlichen Annahme, es würde seinen leeren Worthülsen mehr Inhalt verleihen.
Kraftlos sieht sie aus dem Fenster und ihr Blick fällt auf den grauen Alltag: Das Blumenbeet ist auch diese Woche wieder leer geblieben. Einen Garten voller Rosen, das war der Traum gewesen. Nur wann hatte sich seiner eigentlich von ihrem getrennt?
„Jonas …“, entgegnet sie besänftigend, doch das matte Lächeln ist lange nicht mehr echt.
„Nein, echt – nein! Nein, das geht zu weit. Ich bin einfach grundsätzlich immer schuld, oder? Da kann ich auch gleich an eine Wand hinschwätzen und es hätte denselben Effekt.“
Mina schüttelt noch entschuldigend den Kopf, doch er ist schon zur Tür hinaus veschwunden.
Just in diesem Moment streift der besorgte Blick des Nachbarn die Szene – wie sie da so traurig im Türrahmen lehnt und er ungestüm das gemeinsame Grundstück verlässt. Es ist das dritte Mal in dieser Woche. Auf seiner Stirn bilden sich eine Reihe Falten und ein mitleidiges Seufzen verlässt seine Lippen, bevor er sich wieder dem Leeren des Briefkastens zuwendet.
Mina schließt leise die Türe hinter sich, rutscht an ihr herunter, zieht die Knie an den Körper.
Es ist ja nicht so, als würden sie nicht miteinander sprechen. Und der Beziehungsratgeber betont doch immer: Streiten ist gesund!
Sie streiten viel. Oft. Reden stundenlang. Über sich und die Welt und die Beziehung – und trotzdem kommt rein gar nichts dabei herum.
Schon bald hat Mina begonnen, sich damit zu beschäftigen. Es kann schließlich nicht sein, dass man zwar den lieben langen Tag mit reden zubringt, aber doch nie das Gefühl hat, man hätte miteinander kommuniziert. Was fehlt ihnen?
Also hat sie sich informiert: Über das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun.
Nicht mit zwei, sondern mit vier Ohren hört man alles, behauptet der nämlich. Lang und breit wird erklärt, wie die Anatomie der Sprache aufgebaut ist, was Metakommunikation und die Kongruenz von Nachrichten bedeutet. Warum Frau gleich austickt, weil sie sich kritisiert fühlt, wenn Mann mit: „Sag mal, wo hast du denn das Brot her?“ kommt und dabei doch nur wissen möchte, bei welchem Bäcker sie es gekauft hat. Weshalb jede Botschaft auch eine Selbstoffenbarung und „Schön, dass du die Spülmaschine mal wieder ausgeräumt hast“ eigentlich eine Aufforderung ist.
Mina seufzt. Und wenn sie schließlich keine Lust mehr haben über die Sache selbst zu reden, reden sie halt darüber, wie sie miteinander darüber reden.
Ihre Augen wandern durch den Raum; in der Wohnung herrscht dasselbe Chaos, wie in ihrer Beziehung. Nichts ist mehr in Ordnung – und irgendwann fehlt dann einfach die Kraft noch weiterzumachen. An guten, wie an schlechten Tagen, hat der Pfarrer verkündet und Paartherapie ist das aktuelle Streitthema.
„Was – um rumzusitzen und noch mehr zu reden und dafür auch noch Geld hinzulegen, damit uns einer dabei zuhört?!“, nein, Jonas war alles, aber nicht begeistert von der Idee.
Mina rafft sich auf und verschwindet im Bad, wäscht sich die salzigen Spuren ihrer letzten Auseinandersetzung mit kaltem Wasser aus dem Gesicht. Anschließend geht sie ins Wohnzimmer – und bleibt einen Augenblick lang bewegungslos stehen, während sie die Unordnung stumm betrachtet.
Eine Art Fluchtreflex flüstert ihr reizvoll zu, dass sie dieses Schlachtfeld ebenfalls verlassen sollte. Mit spitzen Lippen und lieblichem Klang in der Stimme verspricht er ihr eine verlockende Leichtigkeit. Einfach gehen. Lass die Trümmer doch Trümmer sein. Mina zögert.
Die Sekunde dehnt sich aus, verwandelt sich in eine unschlüssige Minute, in eine ausharrende Stunde. Wie ein Stein liegt die Entscheidung auf ihrem Herzen, wiegt mit jedem Moment schwerer.
Dann geht plötzlich ein Ruck durch ihren Körper. Sie schnappt sich den Staubsauger und dreht die Musik laut auf. Es ist endgültig an der Zeit etwas zu tun!
Binnen mehrerer Stunden putzt sie sich einmal komplett durch die Wohnung. Die Geschirrberge in der Küche werden von Minute zu Minute kleiner, die Klamotten verschwinden in der Waschmaschine, der Müll findet den Weg in die Tonne. Ihre Putzodyssee führt sie einmal durch ihr ganzes Zuhause. Die Bettwäsche wird gewechselt und alte Zeitschriften fliegen raus, abgelaufene Lebensmittel und verjährte Zettelwirtschaft auch.
Mit dreckigen Händen wischt sie sich den Schweiß von der Stirn und niest den aufgewirbelten Staub aus der Nase. Ein leichtes Gefühl macht sich in der Magengegend breit und schließlich hüpft sie erschöpft und beschwingt zugleich unter die Dusche.
Erst der anschließende Blick auf die Uhr trübt ihre Stimmung wieder augenblicklich: Kurz nach elf Uhr abends. Sie hat gar nicht mitbekommen, wie der Tag seinem finsteren Ebenbild gewichen ist. So lange ist Jonas noch nie weggewesen, denkt sie niedergeschlagen und weiß noch nicht, dass er in dieser Nacht auch nicht mehr zurückkehren wird.

Auf den Stufen zur Tür sieht er sie sitzen, schon frühmorgens um sieben. Er ist ein aufmerksamer Nachbar; er weiß, dass sie gestern bis lange in die Nacht wach war – das Licht ist doch angewesen bis um halb drei.
Mit dampfendem Kaffee in den Händen kommt er um kurz nach acht zu ihr herüber.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragt er besorgt. Mit hängenden Schultern blickt sie ihn an.
„Guten Morgen, Herr Schmidt. Ja. Nein. Ich weiß auch nicht. Jonas ist nicht heimgekommen“, erwidert Mina mit müder Stimme. „Er hat angerufen. Er wird es auch nicht mehr.“
„Nicht heimgekommen“, schmunzelt ihr Nachbar nur und lächelt sie sanft an. „So wie es aussieht, ist es doch schon lange kein Zuhause mehr. Zumindest nicht das einer Beziehung.“
“ … wie bitte?“, halb erschrocken, halb verwirrt sieht die junge Frau den Mann mit den dunklen Haaren an. Die tiefblauen Augen halten ihrem Blick mühelos stand.
„Bist du denn traurig darüber?“, fragt dieser statt einer Antwort.
„Ich weiß es gar nicht“, antwortet Mina wahrheitsgemäß. „Ich bin nur so schrecklich erschöpft. Ich mag nicht mehr reden und ich mag auch nicht mehr das Gefühl haben, dass sich rein gar nichts bewegt.“ Mit einem Nicken überreicht Herr Schmidt ihr den Kaffee und verabschiedet sich dann abrupt. Dankbar über das heiße Getränk schaut Mina ihm nach, wie er im gegenüberliegenden Haus verschwindet. Wann hat ihr zuletzt jemand einen Kaffee gebracht?

Am nächsten Tag, als Minas Blick wie jeden Morgen aus dem Fenster und auf den Alltag fällt, ist dieser plötzlich nicht mehr ganz so grau. Da steht etwas.
Mit schlagendem Herzen eilt sie hinaus in den Garten und bückt sich hinunter zu der roten Blume, die da einsam in ihrem Beet auf sie wartet.
Daneben liegt ein Zettel. Eilig faltet sie ihn auseinander:

Ich weiß, wir kennen uns kaum, doch Zuwendung verlangt das auch gar nicht. Ich möchte dir eine Blume schenken. Habe nämlich vor einer Ewigkeit mal gehört, wie du darüber mit ihm geredet hast – über Blumen im Garten. Ich möchte mich auch gar nicht einmischen, dir nur sagen:
Am allerwenigsten haben Worte mit Sprache zu tun.
Die rote Lilie steht für Entschlossenheit und Tatkraft – mögen ihr noch viele folgen,
Herr Schmidt

Erstaunt liest sich Mina die kurze Nachricht mehrmals durch. Und versteht auf einmal ganz viel … und vor allem, was ihr und Jonas gefehlt hat.
Sie sieht hinüber zum Haus auf der anderen Straßenseite: Bisher hatte sie sich noch nie die Mühe gemacht, herauszufinden, wie ihr Nachbar eigentlich mit Vornamen heißt.

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