Kurzgeschichte: Kein Mensch ist illegal

Kurzgeschichte Schneeflocke

Wieso bin ich eigentlich weniger wert, nur weil ich an einem anderen Ort geboren bin?

Diese Frage stellt sich Sema – Türkin in Deutschland. Und weder im einen noch im anderen Land heimisch, zumindest gefühlt, zumindest laut den Worten so vieler anderer. Ihr Freund Atul bietet ihr einen Perspektivwechsel an. Aber warum sind Schneeflocken bunt und Menschen weiß? Wie das zusammenhängt, erfährst du am besten direkt selbst von Atul und Sema.

Preisverleihung Wettbewerb Kurzgeschichte


Diese Kurgeschichte hat es in das Finale des Wettbewerbs „Mach dein Ding gegen Rechts“ geschafft. Dort habe ich sie am 13.12.12 live vorgetragen.


Kein Mensch ist illegal

Rennen. Seine Hand umschließt ihre ganz fest.
Mit seinen langen Beinen muss Atul nur einen Schritt machen, wenn sie schon zwei braucht. Der Atem geht schwer in der Winterkälte, die eisige Luft brennt in den Lungen.
„Atul!“, keucht sie und ihre Stiefel knirschen im frisch gefallenen Schnee. „Nicht so schnell!“
Doch er gibt nicht nach, wird sogar eine Spur hastiger. Für den Moment dreht er ihr das Gesicht zu, sein breites Grinsen ist herausfordernd. Es sagt: Fang mich, wenn du kannst! Winter SchneeUnd das obwohl ihre Hände einander doch bereits fest umklammert halten, als hinge ihr Leben davon ab.
Wie ein junges Fohlen mit unverhältnismäßig langen Beinen, springt Atul in immer größeren Schritten über den Schneeteppich, die Füße in den halbhohen Turnschuhen längst durchnässt. Sie hängt stolpernd an seinem Arm und versucht ihr Möglichstes, nicht zu fallen.
Bleib endlich stehen, ich will dich küssen!, möchte sie schreien, doch traut sich nicht.
Stattdessen bleibt sie abrupt stehen, stemmt die Füße in den Boden. Nicht empfehlenswert. Mit einem Ruck wird Atul herumgerissen, ihre Finger sind schließlich felsenfest miteinander verkettet. Heftig prallen sie aufeinander und fallen am Ende beide umstandslos in den Schnee.
„Hast du dir was getan?!“
„Hast du dir was getan?!“
Erschrocken blicken sie sich an; einen Moment lang herrscht fassungslose Stille, dann brechen sie in lautes Gelächter aus. Sanft rollt sich Atul auf sie, seine Augen blitzen freundlich. Eine seiner Locken hängt direkt zwischen ihren Gesichtern und fasziniert dreht sie die feinen Haare um ihren Finger, streicht sie vorsichtig hinter sein Ohr zurück.
„Shhht, Sema“, flüstert er zaghaft. „Kannst du den Schnee fallen hören?“
„Nö“, erwidert sie prompt und lacht, streckt die Zunge raus, schnappt nach den weichen Flocken, die freudig vom grauen Himmel herabtanzen.
Es ist still. Ja, fast friedlich. Und während Semas Hose langsam durchnässt, breitet sich stattdessen ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus; es gelangt in alle Zehen und bis in die Fingerspitzen, fließt durch jede Faser ihres Körpers -“ wie eine vollkommene Glückseligkeit. Für den einen Moment ist alles perfekt. Da ist nur sie und Atul und der Schnee und die Kälte. Und was diesen Moment so schön macht, ist vielleicht gerade die Abwesenheit des ganzen verdammten Restes der Welt -“
da gäbe es zum Beispiel Herrn Fritz, den sie jeden Morgen freundlich grüßt und der jeden Morgen so tut, als hätte er sie nicht gehört. Manchmal sieht er sie sogar an, wenn er Tag um Tag seinen zu dicken Hund ausführt. Doch der flüchtige Seitenblick gilt nicht wirklich ihr, er ist nur ein verächtliches Abfertigen, wenn seine Augen abschätzig ihr Kopftuch streifen, als wäre es eine Krankheit. Manchmal fragt sie sich, ob er gar absichtlich das Haus um die exakt selbe Uhrzeit verlässt, die sie sich auf den Weg zur Schule macht; ob er es wohl genießt, ihr jeden Morgen nicht zu antworten. Aber ihre Mutter besteht darauf, dass sie freundlich zu den Menschen ist, ganz gleich, wie diese sie auch behandeln mögen.
Du wirfst ein schlechtes Licht auf alle Türken in Deutschland, wenn du dich unhöflich verhältst! Wir müssen den Leuten zeigen, dass wir ihre Gastfreundlichkeit zu schätzen wissen, dass wir es auch verdient haben, hier zu sein!, zetert sie dann los und keiner weiß, warum sie sich jetzt über ihre Tochter aufregt, die niemals auch nur irgendjemandem Respektlosigkeit entgegen gebracht hat.
Welche Gastfreundlichkeit…? denkt Sema in solchen Augenblicken traurig und: Wieso bin ich eigentlich weniger wert, nur weil ich an einem anderen Ort geboren bin? Warum muss ich etwas beweisen, wenn meine Füße doch immer noch auf genau demselben Erdboden stehen, wie die aller anderen Menschen auch?
Ihr Vater stattdessen will von alledem nichts wissen; Du bist hier geboren, Sema! Wir SIND Deutsche!, sagt er oft und sieht ihre Mutter fast ein bisschen böse an.
Jaaa klar doch, ich bin Deutsche, aber einen Bikini lässt er mich trotzdem nicht tragen und meine Haare darf ich nicht offen zeigen und was passiert, wenn er wüsste, dass ich mich mit einen indischen Jungen treffe, will ich gar nicht wissen!, denkt sich Sema dabei nur. Was für leere Worte.
Atul rollt sich von ihr herunter und starrt in den wolkenverhangenen Himmel.
„Worüber denkst du nach?“, fragt er sie leise.
„Ach, es ist nichts“, erwidert Sema geknickt. „Nur die Welt. Nein, nicht die Welt; es sind die Menschen. Sie machen alles so schrecklich kompliziert. Sie teilen die Welt in Länder und schaffen Grenzen, die vorher nicht da waren -“ und jetzt scheint es keinen Ort mehr zu geben, an dem es in Ordnung ist, wenn du in mich verliebt bist und ich in dich. Aber wie kann das sein, wie kann das nicht in Ordnung sein?“ Und sie kann nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllen.
„Nein, Sema, weine doch nicht“, bittet Atul verzweifelt und seufzt tief.
„Weißt du“, sagt er. „Weißt du, das ist wie mit den Schneeflocken. Menschen wissen nur, was sie sehen -“ und wenn das, was sie sehen, anders ist, als das, was sie kennen, dann bekommen sie Angst. Warum haben Menschen keine Angst vor Schneeflocken, Sema?“
„Ich … weiß nicht? Warum sollte man auch? Sie sind alle weiß und harmlos und -„, antwortet Sema, doch Atul unterbricht sie: „Genau, ganz genau! Sie sehen alle gleich aus. Man guckt sie an und sie sind alle klein und weiß! Aber du weißt doch, dass jede dieser Schneeflocken eigentlich einizgartig ist, nicht wahr? Dass wenn du sie unter dem Mikroskop ansiehst, keine mehr der anderen gleicht.“
„Ja, das weiß ich“, haucht Sema verwirrt, weiß nicht, worauf er hinausmöchte.
„Und das ist genau umgekehrt wie bei den Menschen“, fährt Atul fort. „Wir sehen nicht alle gleich aus, wir sind bunt; mit dunkler und heller Haut, runden und ovalen Augen und haben in fünfzig verschiedenen Sprachen fünfzig verschiedene Wörter -“ für ein und dieselbe Sache. Aber im Herzen sind wir alle gleich.“
Vorsichtig fängt er ihre Tränen auf, wischt sie fort. Sema lächelt. „Wusstest du, dass weiß die Summe aller Farben ist?“, fragt sie ihn leise. „Weiß ist eigentlich selbst gar keine Farbe. Weiß ist, wenn dein Auge das Gemisch aus Farben nicht mehr trennen kann und es zu einem Einzigen zusammenfügt -“ dann siehst du weiß. Weiß ist eigentlich bunt.“
„Schneeflocken sind weiß“, sagt jetzt Atul und Sema nickt: „Und Menschen sind Schneeflocken. Ein einziges buntes Gemisch, das am Ende doch nur weiß ergibt.“
Sie grinsen sich an. Und Sema versteht: Es ist tatsächlich alles perfekt. Denn es gibt einen Ort an dem es in Ordnung ist, wenn Schneeflocke Atul in Schneeflocke Sema verliebt ist und umgekehrt. Der Ort ist hier und der Augenblick jetzt. Und was den Moment so perfekt macht, sind sie beide. Atul und Sema und das Gefühl von Zuneigung, was sie beide verbindet; die universelle Sprache der Liebe. Weiß und bunt gleichzeitig, einzigartig und ohne Grenzen.
Was den Moment so perfekt macht, ist gar nicht die Abwesenheit aller anderen Menschen, denn die ist völlig egal; die einzigen beiden, die es etwas angeht, was zwischen ihnen passiert, liegen doch ohnehin schon hier beieinander in der schneebedeckten Wiese und küssen sich jetzt liebevoll. Und die Erde unter ihren Körpern ist dieselbe, auf der alle restlichen Menschen dieser Welt auch herumwandern. Exakt dieselbe.
Da gibt es keinen Grund, warum es nicht in Ordnung sein könnte. Denn es ist in Ordnung.
„Und nur das müssen sie noch lernen“, flüstert Sema gedankenverloren sich selber zu, streckt die Zunge raus und schnappt wieder nach den tanzenden Schneeflocken.

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