Wach verschlafen

Du schläfst nicht nur, wenn du schläfst.
Wenn du nicht wach bist, während du wach bist,
verschläfst du den jetzigen Moment.

Eine Form zu schlafen: körperlich anwesend sein, aber sich geistig woanders befinden. Blöd, wenn man beim Zähneputzen die Einkaufsliste durchdenkt und die Zahnbürste dann in den Mülleimer schmeißt, anstatt den alten Spülschwamm zu entsorgen, weil man doch nachher neue holen will.

Eine andere Form zu schlafen: zu denken, etwas wäre noch gleich wie gestern, nur weil es heute noch gleich aussieht.
Eine Vermieterin im selben alternden Körper, deren herrische Art die einem letztes Jahr noch jedes Mal einen kleinen Schrecken eingejagt hat, und die heute vor lauter Klapprigkeit die Treppe beim Wasserholen runterfällt. Die keinen ganzen Satz mehr formulieren kann und man duckt sich im Reflex trotzdem noch leicht ängstlich vor ihren Worten weg. Anstatt wahrzunehmen, was – jetzt – ist.

Eine andere Form zu schlafen: die jetzige Begegnung miteinander nicht feiern, weil man denkt, man hätte noch ewig Zeit mit diesen Menschen. Den Bruder nicht richtig verabschieden, nicht JETZT achtsam den Liebsten lauschen, nicht jedes Mal neu über die Hündin freuen, mit der man jede Woche spazieren geht.

Eine andere Form zu schlafen: Nicht richtig hingucken, nur weil man meint, man kenne dies bereits. Aber wenn mich jemand fragt, welches der Ohren meiner Katze schwarz ist, kann ich nicht antworten.

Dann.
Ändert sich was.
Zerbricht es.
Geht jemand.
Oder fällt die Treppe runter.
Und plötzlich ist man wach.

Dann erst öffnet man die Augen und spürt, wie viele Momente man wach verschlafen hat. Wie wertvoll sie waren. Was man im Alltagswachkoma verlor.

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Sieben Jahre lang war ich mit einer Hündin spazieren und habe es für absolut selbstverständlich genommen, sie jede Woche wiederzusehen. Unverhofft ging es der Besitzerin schlecht und ohne Vorwarnung ist die Hündin nun weg, die Spaziergänge mit ihr Geschichte. Ein zweistündiges Loch in meinem Mittwochnachmittag.

Wie oft habe ich sie gar nicht richtig aktuell wahrgenommen? Sie war einfach die immerdieselbe Hündin. Wie oft habe ich die Leine losgemacht und war schon gedanklich beim nächsten Termin, anstatt ihr nachzusehen und mich innerlich zu verabschieden? Nun gab es keinen bewussten Abschied, weil ich glaubte: die sehʼ ich ja eh wieder.

Habe ich sie eigentlich überhaupt jemals wirklich gesehen, wenn ich sie sowieso nicht bewusst-bewusst angesehen habe? Wenn ich gar nicht weiß, wann ich sie zuletzt mal nicht nur als selbstverständlich »dieselbe« wie noch letzte Woche wahrgenommen habe?

Unser letzter Spaziergang war am einzigen richtigen Schneetag dieses Winters, am 27. Februar. Nur deshalb ist auch ein Foto entstanden. Hätte es nicht so unerwartet geschneit, hätte ich mir nicht die Mühe gemacht. Leyla ist unabsichtlich ins Bild reingelatscht. Das Foto war also nicht mal Absicht.

Plötzlich bedeutet es so viel.
Und nichts.
Denn es kann keinen einzigen verschlafenen Moment wiedergutmachen.

 

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