Kurzgeschichte: Fort Während

Kurzgeschichte Fort Während k

Bist du manchmal auch so ein bisschen neben der Spur?

Irgendwie aus dem Takt? Du kannst gar nicht so richtig sagen, was los ist, aber irgendwas fühlt sich falsch an? So geht es auch dem Protagonisten in dieser Kurzgeschichte. Aber egal, wie sehr einen das Leben manchmal aus der Spur wirft: Manches bleibt fortwährend erhalten.

 

Fort Während

Etwas stimmt nicht. Er blinzelt gegen das Sonnenlicht. Die sich hebenden Lider offenbaren geblümte Gardinen, das übliche Wasserglas auf der Kommode, das gerahmte Hochzeitsfoto daneben. Eine zweiundvierzig Jahre jüngere Version seiner selbst strahlt ihn an, im Arm hält er die Liebe seines Lebens. Alles an Ort und Stelle.
Er runzelt die Stirn und lauscht. Hinter sich hört er Hildes beruhigenden, gleichmäßigen Atem. Ein, aus. Ihr Atmen, das ist auch der Rhythmus seines eigenes Lebens.
Später steigt er aus dem Bett und läuft barfüßig im Schlafanzug durch das Haus, lässt die Augen prüfend durchs Wohnzimmer wandern. Das rissig gewordene Ledersofa, die ordentlich gefalteten Decken darauf, Hildes Staffelei, die sauber gewischten Fliesen.
Die große Standuhr tickt in ihrem Holzkasten. Das Ziffernblatt zeigt kurz nach neun, was bedeutet, dass er genauso lang geschlafen hat wie üblich und Hilde um dieselbe Zeit wie üblich zum Einkaufen losgegangen ist. Und dennoch.
Es erscheint ihm unverhältnismäßig hell an diesem Morgen. Das muss am Frühling liegen, seit Wochen hält er bereits seinen unerbittlichen Einzug. Das Licht zwingt die Knospen zum Austreiben und die eingeschlafene Welt zum Erwachen. Es wäre sinnlos sich gegen die Zyklen des Lebens zu wehren und doch fühlt er manchmal so etwas wie ein leises Bedauern darüber. Über das niemals Stillstehende, das stets Vergängliche.
Für Ende März fallen dir unerhört hartnäckigen Sonnenstrahlen durch die breite Fensterfront des Wohnzimmers und wärmen ihm die nackten, unruhigen Füße. Er schüttelt den Kopf. Obwohl alles stimmt, stimmt etwas nicht. Auch die Morgenzeitung liegt dort, wo sie jeden Tag liegt. Er setzt sich auf die Terrasse, nimmt den ersten Schluck Kaffee, überfliegt die Titelseite und findet Zerstreuung in der stoischen Routine.
Bald macht er sich daraufhin auch an die Gartenarbeit und spürt auch seine Hilde hinter sich, die vom Einkaufen zurück ist.
»Guten Morgen, Liebste«, grüßt er, ohne sich umzudrehen, denn er befüllt gerade konzentriert ein paar kleine Töpfchen mit Komposterde. Darin wird er die Tomatenpflanzen vorziehen. Kurz erwägt er, Hilde von seinem irritierenden Befinden zu erzählen, aber dann entscheidet er sich dagegen. Er will sie nicht grundlos beunruhigen.
»Was gibt es heute Schönes zum Mittagessen?«, fragt er stattdessen neugierig, doch sie weigert sich, es ihm zu verraten. Er lächelt heimlich in sich hinein. In all den Jahren der Ehe hat sie nie ihren Sinn für die kleinen Überraschungen verloren. Und auch nicht ihre Schönheit. Ihre Haut ist vielleicht fleckig geworden, ihr Rücken von der Zeit gebeugt und der Körper mager, aber in den wachen Augen, im ganzen Wesen schwingt das Leben.
Miau Wenn Hilde kocht, dreht er üblicherweise seine Runde durch den Ort. Dabei hält er die Augen nach ungewöhnlich Erscheinendem offen. Sind die Straßen leerer als sonst um die Zeit? Hat er etwas verpasst, ist etwa schon wieder Pferdemarkt im Nachbarsdorf?
Erst hinter der Brücke an der Böschung springt ihm tatsächlich etwas ins Auge – der Bärlauch. Der wächst und wächst und wächst, er ist früh dran in diesem Jahr, wie alles früh dran ist, weil das Wetter sich dazu entschlossen hat. Es gab noch kein Jahr, in dem er und Hilde nicht über die perfekte Erntezeit des Bärlauchs diskutiert hätten. Er sagt: »jetzt« und sie: »bald«. Daraufhin beschwert er sich darüber, dass sie sich den Bärlauch nicht einmal selbst angesehen hat.
»Ich komme mit, wenn es Zeit ist«, pflegt sie ihn anschließend zu necken und das ist dann das letzte Wort in dieser Sache. Bis er von Neuem anfängt: »jetzt«.
Eines ihrer vielen Spiele. Als er heute zurückkommt, vergisst er das Nachhaken allerdings über dem köstlichen Geruch, der im ganzen Haus hängt.
»Spargel!«, ruft er begeistert aus. Schon eilt er in die Küche, dem Reich seiner Frau, und fühlt sie in den Armen, ihre kühle Wange unter seinen Lippen. »Ein Engel hat dich geschickt!«
Ihr weiches Lachen klingt in seinen Ohren. Was auch nicht stimmen mag an diesem sonderbaren Tag, zumindest seine Frau ist wie immer, und das beruhigt ihn. Er deckt den Tisch für zwei Personen und betet vor dem Essen, Hilde besteht seit jeher darauf.
Nachher sitzen sie noch eine Weile zusammen in der Sonne auf der Terrasse und reden über dies und jenes. Wann es Zeit für das Einsäen der Karottensamen ist und auch über das unablässige Verstreichen der Jahreszeiten, das ihn am Morgen beschäftigte.
Hilde schweigt auf seine Worte hin eine Weile klug und versonnen. Und er lässt mit geschlossenen Augen die Sinne durch den belebten Garten schweifen – lauscht dem Zwitschern der Amseln, atmet den Duft des Frühlings, hört Hilde schließlich dazwischen flüstern: »Sieh die Schneeglöckchen, wie sie sich ans Licht recken. Sie sind nicht traurig darüber, nun wieder zu verblühen, sie halten nicht fest. Sie wissen, dass sie wiederkehren. Keiner in diesem Garten hat je etwas zu befürchten – denn alles kehrt wieder, in der einen oder anderen Form.«
Sie weiß zu allem etwas Trost spendendes zu sagen. Um vierzehn Uhr begeben sie sich ins Schlafzimmer, mittags legen sie sich für gewöhnlich gemeinsam eine Stunde nieder. Doch als er zum Weckerklingeln erwacht, erfasst ihn derselbe Gedanke wie am Morgen. Als er sich aber nach seiner Frau umdreht, ist das Bettlaken glatt zurückgestrichen. Manchmal erwacht sie mittags schon vor ihm. Dennoch steigt er nun etwas eiliger aus dem Bett, er will Hilde vielleicht doch von seiner Befangenheit erzählen, immerhin teilt er seit einem halben Jahrhundert alles mit ihr.
»Hilde?«, ruft er ins Haus und läuft Richtung Wohnzimmer. Überrascht stoppt er jedoch an der Schwelle zur Küche bereits ab.
2x »Sie sind zu früh hier«, entfährt es ihm.
Der blonde Pferdeschwanz seiner summenden Haushälterin fährt herum. »Guten Nachmittag, Herr Arnsberg. Wie geht es Ihnen heute?«, fragt sie herzlich.
»Mir geht es … um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht ganz sicher, aber das ändert wohl nichts daran, dass Sie«, er wirft einen vergewissernden Blick auf seine Armbanduhr, »eine Stunde zu früh hier sind.«
»Herr Arnsberg, heute Nacht wurde doch die Zeit umgestellt.« Die junge Frau lächelt nachsichtig. »Es ist bereits vier Uhr nachmittags.«
»Ach.«
Er kratzt sich am Kopf. Nur einen Sekundenbruchteil später blitzt Verstehen in seinen Augen auf. »Na, kein Wunder bin ich heute so neben der Spur! Damit wäre dieses Geheimnis auch gelüftet.«
Für einige Augenblicke ist das Wohnzimmer von seinem lauten, erleichterten Lachen erfüllt, Frau Schneider stimmt mit ein.
»Haben Sie denn nicht gemerkt, dass es schon eine Stunde eher Mittagessen gab?«, fragt sie mit einem Zwinkern, während sie einen Lappen auswringt.
Er winkt ab. »Wenn die Leibspeise auf dem Tisch steht, schert man sich doch nicht darum, zu welcher Zeit sie einem serviert wird.«
Frau Schneider freut sich insgeheim über das Lob, das zwischen seinen Zeilen mitschwingt. Besonders, weil Herr Arnsberg in den letzten Wochen sehr wortkarg geworden ist. Dabei war er in den vier Jahren, die sie nun das Haus putzt, immer ein gesprächiger und fröhlicher Mann. Doch wenn sie nun vormittags zum Kochen kommt, ist er meist längst im Ort unterwegs und die Stunde nachmittags verbarrikadiert er sich im Gartenhäuschen, werkelt dort an irgendetwas herum. Er meidet sie, das spürt sie.
»Wie war denn ihr Spaziergang heute?«, erkundigt sie sich freundlich und bemüht darum, das Gespräch aufrecht zu erhalten.
»Ja, der Spaziergang«, wiederholt er, nun sichtlich gelöst, da er den Grund für sein desorientiertes Befinden gefunden hat, »der war ganz wunderbar. Und oh, da fällt mir ein – der Bärlauch! Der ist schon bald erntereif, das will ich noch meiner Frau erzählen, das habe ich über dem Spargel komplett vergessen. Sagen Sie, haben Sie sie gesehen?«
Im Blick seiner Haushälterin verändert sich etwas, das er nicht deuten kann.
»Herr Arnsberg …«
»Hilde wird garantiert eine Meinung über den Bärlauch haben«, unterbricht er und lacht wieder, aber diesmal stimmt Frau Schneider nicht mehr mit ein. Sie tritt um den Küchentresen herum. »Lassen Sie uns einen Spaziergang machen.« In sanfter Entschlossenheit reicht sie ihm Jacke und Schuhe. »Wir werden Hilde besuchen gehen. Damit wir sie wegen des Bärlauchs befragen können. Kommen Sie.«

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