Kurzgeschichte: Tortellini

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Wovor fürchtest du dich mehr – dem Leben oder dem Tod?

Die eine hat Angst vor dem Tod, die andere nicht. Beide leben, aber nur eine von ihnen will das auch. Parallel erzählt: eine Begegnung, die beide verändert, und eine Lebensgeschichte – aber von welcher der beiden? Und was haben das zu laute Ticken, ein Zauberamulett und natürlich die Tortellini damit zu tun?

Das Leben und der Tod – zwei Themen, die jede*n von uns betreffen. Jede*r muss einen eigenen Umgang damit finden, seine eigenen Antworten. Doch die beiden Themen existieren nicht unabhängig voneinander: Welche Erfahrungen wir mit dem einen machen, beeinflusst auch die Antworten, die wir auf das andere finden. Und manchmal werfen unverhoffte Begegnungen die alten Antworten auch einfach über den Haufen – und öffnen uns für eine neue Perspektive. Viel Freude beim Lesen und Denken.

Ps: Wunder gibt es wirklich. Die Lebensgeschichte des einen Mädchens habe ich mir nicht ausgedacht, sondern orientiert sich an einer wahren Biografie. Sie gehört dem quietschlebendigsten und wundersamsten Sonnenschein, den ich kenne. Nur deswegen ist diese Geschichte überhaupt entstanden. In Staunen und Vertrauen und tiefer Dankbarkeit – für die Lebendigkeit und diese großartige Frau und Freundin.

Tortellini

»Deine Uhr tickt so laut«, murre ich.
»Das ist nicht die Uhr«, antwortet sie.
Und so lernen wir uns kennen.
Es ist stockdunkel und das Erste, was ich höre, ist dieses unerträgliche Ticken eines Sekundenzeigers. Noch bevor mein Verstand verorten kann, wo ich mich befinde, wird mir abgrundtief schlecht. Wenn es die Zeit noch gibt, gibt es auch mich noch.
Ich reiße die Augen auf. Im Diesseits hängt die Nacht blass im Raum, vom Flur her dringt schwaches Licht rüber, die Zimmertür ist nur angelehnt. Meine beiden Arme sind verbunden, Schmerz spüre ich keinen, vermutlich hat man mich mit einer Menge angenehmer Drogen vollgepumpt. Nur langsam und voller Wehmut dringt zu mir hindurch, dass ich allem Anschein nach weiterhin gezwungen bin, im Besitz meiner zwanzigjährigen Identität zu sein. Wie ich ins Krankenhaus kam, bleibt vorerst ungeklärt, aber dass meine Mutter daran schuld ist, daran besteht kein Zweifel. Tatsächlich ist sie sowieso an allem schuld, weil sie unverhütet rumgevögelt hat.

Vier Tage nach ihrer Geburt die erste Operation. Die Sauerstoffsättigung liegt nur bei vierzig Prozent, eigentlich hätte man noch viel früher handeln müssen, das sagen sie später. Der Zugang vom Herz zur Lunge wird künstlich gelegt, denn einer fehlt. Auch die linke Klappe muss ausgetauscht werden, ein Schwein schenkt ihr unwissend eine neue. Erinnerungen hat sie keine daran, nur die Worte, die man Jahre danach mit ihr geteilt hat.

Nur ein Bett weiter liegt die Stimme, die behauptet, es wäre nicht ihre Uhr, die da ohrenzerreißend laut tickt. Wahrscheinlich tickt sie im Kopf nicht richtig und erzählt deshalb solchen Blödsinn. Denn zwischen uns auf dem schmalen Tischlein, da entdecke ich sehr wohl auch die abgelegte Armbanduhr und meine ist es nicht. Jedenfalls sofern mein Erinnerungsvermögen nicht zerfledderter ist, als ich ahne. Was in jedem Falle auch der Fall sein könnte. Während ich innerlich also die Zuverlässigkeit meines Gedächtnisses mit mir selbst aushandele, richte ich meinen Oberkörper auf, um die Uhr besser erkennen zu können. Sie kommt mir nicht vertraut vor. Ich kämpfe gegen den Drang an, sie am Boden zu zerschlagen, aber bevor ich das tun kann, wird meinem Gehirn schlagartig bewusst, was die ganze Situation hier bedeutet und ich halte mir stattdessen stöhnend die Hände vors Gesicht. »Sie werden mich wieder in die Geschlossene stecken!«
»Könnte doch genau der richtige Ort für dich sein«, lautet der ungebetene Kommentar von nebenan.
»The Fuck?!«
Mein Kopf verrenkt sich so weit er kann – blondes Engelshaar in weißen Laken.
»Ich mein ja nur …«
»Haltʼs Maul!«
Das tut die Blonde dann. Sie dürfte ungefähr so alt wie ich sein.
Ich schweige auch. Und in der Stille kann ich die Verbundenheit spüren. Denn wenn man ganz still wird, dann verschwimmen die Grenzen. Zwischen innen und außen, zwischen einem Sekundenbruchteil und der Ewigkeit, zwischen eins und allem, bis beides dasselbe ist. Bis man alle Widersprüchlichkeiten des Lebens zumindest für Augenblicke in sich zu einem Ganzen vereinen kann.
Wenn da bloß das Ticken nicht wäre.
Ich seufze. Frage: »Wie heißt du?«
»Tortellini«, antwortet sie.
»Was?«
»Ich hab Hunger. Holst du mir welche?«
»Tortellini ist zu lang. Wir machen Lini draus. Ich bin Sara.«

Bei der nächsten Operation ist sie elf Jahre alt, die andere Klappe verweigert schleichend ihren Dienst. Der Rückfluss ist zu hoch, zu viel sauerstoffarmes Blut gelangt ungewaschen in die Adern zurück, eine Plastikklappe wird eingesetzt. Sie versteht immer noch nicht, was passiert, aber es macht ihr nicht allzu viel aus – die ausladende, zu den Rändern hin fein verästelte Narbe auf ihrer Brust war nie nicht Teil ihres Lebens.

»Warum bist du hier?«
»Fieber«, antwortet Lini prompt. »Warum bist du hier?«
»Weißt du doch schon. Wer kommt wegen Fieber ins Krankenhaus?«
»Wer widerspricht dem Universum in seinem Beschluss, dass man offensichtlich existieren soll?«
»Offensichtlich ich.«
»Und warum?«
»Weil Leben scheiße ist.«
»Achso.«
Tatsächlich erinnere ich mich an keine Zeit in meinem Leben, in der es nicht dunkel um mich gewesen ist. In meiner Brust wogen Schmerz und Sehnsucht, es ist zu viel passiert, die Lebensgeschichte wiegt zu viel, es ist kompliziert, immer kompliziert gewesen, immer schwer. Ich will nach Hause zurück. Nicht nur für Augenblicke, sondern für immer.
»Ich vertraue dem Leben einfach nicht«, murmle ich dann beinahe entschuldigend in die Finsternis. »Bevor du geboren wirst, da bist du verbunden. Mit allem. Mit dem All. Weißt du?«
»Nö. Aber erzähl mal.«
»Na ja, da warst du entweder komplett unbewusst oder komplett allbewusst, macht aber keinen Unterschied. Weil Alles-sein und Nichts-sein ist derselbe Zustand«, erkläre ich. »Schwierig ist nur der Zustand dazwischen. Also das Lebendigsein.«
»Hm«, macht Lini. Dann: »Und was genau ist jetzt gerade an deinem Zustand schwierig?«
»Alles!« Demonstrativ verschränke ich die Arme vor der Brust, aber sie zucken sofort wieder zurück, unter den Verbänden pocht es. »Menschsein bedeutet Getrenntsein. Ein elendiges Zwischending, in dem alles Mögliche schiefgehen und wehtun kann. Ein verfluchtes Spiel mit unvollständigen Informationen, weil dein Geist so fucking begrenzt ist.«
»Eben. Zum Glück. Stell dir vor, du müsstest immer begreifen müssen, was da passiert, damit es passieren kann. Wärʼ doch furchtbar anstrengend bis unmöglich.«
Verwundert verwirrte Stille.
Ich irgendwann: »Du bist blöd.«
Sie: »Warum?«
»Weil du recht hast.«
Da lachen wir zum ersten Mal in dieser Nacht.
Als Lini sich ebenfalls aufrichtet, baumelt eine Kette mit klobigem Anhänger nach vorn und fällt zurück auf ihr weißes Nachthemd.
»Was ist das?«, will ich wissen.
»Ein Amulett«, antwortet sie. Und: »Es kann zaubern.«
»Aha.« … »Ne, sag mal, jetzt.«
»Im Notfall kannst du es festhalten, so«, Lini macht es vor, schließt die Augen, »und vertraust.«
»Und dann?«
»Und dann passiert genau das, was das All für dich vorgesehen hat. Leben leichtgemacht für Dummies. Oder Jammerlappen wie dich. Easy peasy.«
Sie zwinkert, gehässig und liebevoll gleichzeitig. Auf ihrer Stirn stehen große Schweißperlen. Linis fröhliches Lächeln steht in groteskem Widerspruch zur restlichen Verfassung. Und sie spinnt. Eindeutig. Aber das macht nichts. Ich spinne ja auch.

Sie ist immer noch elf Jahre alt, es sind nur wenige Monate vergangen.
»Die Bakterien haben sie fast komplett zersetzt«, erklärt der Arzt, dann redet er nur noch komplizierten Kauderwelsch, den sie nicht versteht. Aber im Blick ihrer Mutter findet sie eine Unruhe, die sie selbst bis ins Innerste erschüttert. Zum ersten Mal in ihrem Leben spürt sie eine totale und vollkommene nackte Hilflosigkeit. Sie kriegt aber nur teilweise mit, was passiert, die meiste Zeit schläft sie und am Ende hat sie eine neue Plastikklappe.

»Hast du Angst vor dem Tod?«
»Nö«, antworte ich.
»Hm.«
»Du?«
»Schon.«
Lini sinkt zurück in die Kissen. Ich mache es ihr nach und wir gucken beide an die Decke.
»Warum nicht?«
»Weil …«, ich überlege. »Weil nach dem Tod ist ja wie vor der Geburt. Sterben ist, wieder zu Hause anzukommen. In der zweiten Hälfte der Ewigkeit.«
Ich schließe die Augen. Und mein Körper verschmilzt mit der Dunkelheit vor meinen Lidern, wo beginnt das Bewusstsein und wo endet es? Wenn man sich nur tief genug darauf einlässt, spürt man in sich das Wogen der ewig verbundenen Quantensuppe.
»In der zweiten Hälfte der Ewigkeit ankommen«, wiederholt Lini erschöpft, leise. Und noch leiser: »Danke. Das klingt schön.«

Die Stirnfalte des Kardiologen wandert beim Lesen immer weiter Richtung Haaransatz hinauf. Er lugt links neben dem Bericht hervor, mustert sie einmal von oben bis unten.
»Na ja, Sie stehen offensichtlich hier vor mir. Und … es geht Ihnen gut.«
Wenig überzeugt verharrt er ein paar Momente, als wäre er überzeugt davon, sie falle doch noch um. Man kennt die Herzfehler im Einzelnen – die Kombination ist einzigartig.
Der neue Kardiologe geht alle Routinetests mit ihr durch und sie besteht alle. Hinterher sehen die beiden einander an, und sie lächelt verschmitzt und fällt nicht um. Warum auch.

Sich verstanden zu fühlen, ist ein seltsames Gefühl, weil man ja nicht weiß, ob es stimmt. Trotzdem fühlt man sich besser. Einfach so. Lini gähnt. »Wann genau wolltest du mir jetzt eigentlich die Tortellini besorgen?«

Mit sechzehn wagt sie sich zum ersten Mal freiwillig an das Diagnoseblatt heran, Google könnte ihr beim Kapieren helfen, denkt sie. Mesokardie, atrioventrikuläre Diskordanz. Pulmonalatresie mit Ventrikelseptumdefekt. Stenose der linken Arteria pulmonalis, Zwerchfellparese rechts … So geht das eine halbe Seite lang weiter, die unerklärten Begriffe stapeln sich übereinander und vermengen sich zu einem Gefühlsknäuel, das die Brust eng macht. Rasch legt sie den Zettel zu den Akten zurück und googelt nicht. Ohne die Buchstabengespinster ist nämlich alles ganz einfach: Sie lebt. Punkt.

Bevor wir endgültig wegdämmern, behauptet Lini noch, ihr Herz wäre dreigeteilt. Ein Teil Plastik, ein Teil Schwein, der Rest Muskeln. Sie bräuchte interkulturelle Gewebevielfalt, sie würde sich schnell langweilen im Alltag.
»Erzähl keinen Scheiß.« Ich lache. »Plastik, Schwein, Muskel? Glaubst du ja selbst nicht!«
»Nee, Sara, hör doch zu: Wenn selbst die drei es schaffen, so miteinander zu kooperieren, dass ein funktionierender Herzschlag dabei rauskommt … wer kann da allen Ernstes noch behaupten, Leben wäre nicht vertrauenswürdig?«
»Der Punkt geht an dich. Aber du redest wirklich außerordentlich viel Blödsinn.« Anerkennend strecke ich meinen Daumen hoch, aber Lini macht nur noch »Hm«, und ihr Atmen wird mit jedem Zug tiefer. Auch meine Gedanken sind schon dumpf und wirr von der Müdigkeit, von den Schmerzmitteln.
»Die Zeit läuft langsamer, wenn man einschläft«, lalle ich noch halb benommen, weil mich das absurde Gefühl überkommt, das Ticken hätte den Takt geändert.
»Nein, Plastik macht nur verdammt viel Lärm bei der Arbeit«, nuschelt Lini.
Ein letztes Lachen und Worte: »Ich mag dich«, dann greift allverbundenes Unterbewusstsein mit langen Fingern nach meinem Geist und überwältigt ihn.

Ihre Eltern offenbaren ihr, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit beim Einsetzen der künstlichen Herzklappe bei ihren Voraussetzungen nur bei sechzig Prozent lag. Die Wahrscheinlichkeit, eine Entzündung dieser Plastikklappe zu überleben, nur noch bei dreißig. Zum Glück hat sie das alles mit elf Jahren nicht gewusst, vielleicht wäre Überleben ansonsten schwieriger gewesen. Kaum ein dreiviertel Jahr nachdem die Plastikklappe eingesetzt wurde, hatte man sie wieder austauschen müssen. Muss man nicht zwangsläufig, aber die Bakterien waren zu lange unbemerkt geblieben, das Antibiotikum kam zu spät. Damals bekam sie eines Nachts plötzlich unerwartet hohes Fieber. Noch bevor man die Grippevermutung verwerfen konnte, lieferte man sie ins Krankenhaus ein, um den schlimmeren, drohenden Verdacht zu überprüfen. Denn bereits über oberflächliche Wunden können Keime eindringen und sich am Kunststoffgewebe festsetzen. Das ist ein Risiko, mit dem sie leben muss.

Als ich aufwache, ist das Bett neben mir leer und alles schmerzt. Ich realisiere, wo ich mich befinde – und wünsche mir wie immer in einem solchen Moment, tot zu sein. Mein noch verschwommenes Bewusstsein sortiert aufflackernde Erinnerungsfetzen. Die Ungewissheit über den Realitätsgehalt der losen Diashow meines halbbewussten Geistes verursacht mir Kopfschmerzen, ein Plastikschwein und ein absurder Appetit auf Tortellini ist vorerst alles, an das ich mich erinnere.
Dann merke ich, dass das Ticken aufgehört hat.
Und weiß mit einem Schlag wieder alles.
Ruckartig hieve ich mich auf, der Blick fährt herum. Unsinnigerweise liegt die Armbanduhr noch auf dem Nachttisch. Kurz zweifle ich an meinem Verstand. Dann fällt mir auf, dass daneben nun auch noch etwas anderes liegt: die Halskette. Also ist Lini doch mehr als ein verrückter Auswuchs meiner Wahnvorstellungen. Mein Herz hüpft unerwartet hoch, erleichtert greife ich nach der Kette. Der Anhänger ist rund und aus Metall. Obenauf sind drei fette Großbuchstaben eingraviert: S O S. Man kann ihn aufdrehen. Ich entfalte das kleine Zettelchen, das ich darin finde und überfliege die wenigen Zeilen hastig. Achtung verschiedene Herzfehler, dauerhaft eingenommene Medikamente, Marcumar und Metropololsuccinat, Betablocker und Blutgerinnungshemmer, bei größeren Wunden sofort den Notarzt rufen, die Nummer steht daneben, auch die ihrer Mama, andere Wörter, für den Moment unwichtig, mir fehlt der Atem.
Wie leicht sich ein Sekundenzeiger mit einem Herzschlag verwechseln lässt. Wie leicht sich Wünsche ändern.
Aber anstatt gegen die aufsteigende Panik anzukämpfen, mache ich die Augen zu. Schließe folgsam meine Finger um das Amulett und beginne, zu vertrauen.

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