Kurzgeschichte: Zwischenmenschliches

zwischenmenschliches wieseAn wem aus deiner Vergangenheit läufst du heute lieber schnell unerkannt vorbei – anstatt ihn oder sie zu grüßen?

Clara und Jonathan haben zwar alle Sandkastentage miteinander geteilt – aber die beiden Mittzwanziger hätten jeden einzelnen darum gegeben, um auf die zufällige Begegnung im Drogiermarkt verzichten zu können. Clara hat auch allen Grund, wütend auf ihren ehemals besten Freund zu sein. Und dann erwischt sie den alten Sprücheklopfer und Verräter bei einer illegalen Sache. Was würdest du an ihrer Stelle jetzt tun?

Zwischen-Menschliches: Wir bleiben niemals unberührt voneinander, können einander nicht-nicht beeinflussen, sind immer auch ein verwurschteltes Konglomerat all unserer zwischenmenschlichen Begegnungen. Wie wir uns entwickeln, welche Motive uns leiten oder auf welche Weise wir uns nach Jahren wiederbegegnen – alles hängt miteinander zusammen. Eine spannende Frage: Wie sehr lässt du dich heute in deinen Entscheidungen von deinen Erfahrungen in der Vergangenheit lenken?

Zwischenmenschliches

»Entschuldigen Sie, wo stehen denn die Shamp…«
Er verstummt, als ich mich umdrehe. Und trotzdem bin ich es, die noch einen ganzen Moment länger braucht, um in dem Kunden einen mir bekannten Mann zu entdecken.
»Jonathan?« In meinem Gesicht zuckt die Mimik unkontrolliert.
»Dass du dir das immer noch nicht abgewöhnt hast«, stößt er lachend aus, überbrückt damit die Kluft der Fremdheit zwischen uns und patscht mir kumpelhaft auf die Schulter. »Hab nie verstanden, was dir an Johnny nicht passt.«
Nein, denke ich, die Finger um eingeschweißte Zahnpastatuben krampfend, so werde ich dich niemals nennen. Egal, wie sehr du dich darum bemühst, zu vergessen, woher du kommst.
Uns beiden schießt Röte in die Wangen, wobei ich unverhältnismäßig viel mehr davon abbekomme. Früher haben wir alle Sandkastentage miteinander verbracht. Heute hätten wir wahrscheinlich beide jeden einzelnen darum gegeben, um auf diese Begegnung zu verzichten.
Jonathan schüttelt sich mit einer Nickbewegung überflüssige Strähnen aus dem Gesicht. Er tut es, wenn er nervös ist, ich weiß das. Damals, als wir in der elften Klasse an diesem goldenen Herbsttag vor dem Schulgebäude standen, hat er es ständig getan. Ich dachte, das liegt an der Aufregung vor unserem ersten Kuss und habe vor Freude geglüht. All meine Träume erfüllten sich in diesen Augenblicken, sein Liebesbrief würde die entscheidende Wende in meinem Leben sein. Nach so langer Zeit hatte er es endlich kapiert und bekannte sich wieder zu mir: Jonathan und Clara, so war es schließlich von Kindheit an vorherbestimmt gewesen.
Um Kopf und Kragen redete ich mich dort, auf all seine gestellten Fragen aus dem Brief antwortend, während er sich Strähnen wegnickte, die gar nicht mehr in seinem Gesicht hingen. Die Schultern wurden von einem zu großen Jackett verschluckt.
Auch heute trägt Jonathan eines über dem Hemd, das wiederum genauso lose in die zu tief sitzende Jeans gesteckt ist wie damals. Es wirkt schlampig, absichtlich. Jeder Zentimeter an ihm ist gewollt. Er hat früh begonnen, sich selbst zum Objekt seiner darstellenden Künste zu machen, er wollte anecken und er wollte immer schon raus – aus unserem Scheißkaff.
Der gemeinsame Wechsel auf das Gymnasium am Stadtrand war der erste Schritt gewesen, Johnny der zweite. Hinzu kamen gedealte Zigaretten, später das groteske Outfit. Im Nu hatte er sich einen angesehenen Rang im neuen Schülervolk ergattert. Eine Aufgabe, die ich weniger gut gemeistert habe.
»Was machst du hier?«, frage ich jetzt, die Lippen hämischer verziehend, als notwendig gewesen wäre. »War da nicht was mit auf Nimmerwiedersehen ihr Versager
Er lacht, lauter als notwendig gewesen wäre. »Die Clara wieder, erinnert sich an alles! An jeden Tropfen Alkohol zu viel und an jedes Dorffest. Komm, lass mir die alten Kamellen begraben! Ich bin natürlich nur zu Besuch da. Nachgucken, was die Alte so treibt.«
Nein, denke ich, du lügst. Mareike ist nach dem Abitur im selben Wohnheim wie er untergekommen, und die hat doch gegenüber Natascha neulich erwähnt, sie hätte ihn eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Mit dem Studiengang wäre auch irgendetwas gewesen, also mit dem zweiten, aus dem ersten ist er vor einem halben Jahr bereits rausgeprüft worden.
»Und du? Arbeitest hier so nebenher?«, unterbricht Jonathan meine stillen Mutmaßungen.
»Nein«, entgegne ich zu schnell, »ich arbeite hier.«
»Ach was, echt? Ne, veräppel mich nicht, du studierst doch auch, ich …« Er beißt sich auf die Lippe, als ich den Kopf schüttle. Nickt seine Strähnen und die unangenehme Verblüffung weg, fügt eilig hinzu: »Ich meine, voll gut. Schön, wenn es dir hier gefällt.«
»Tut es«, betone ich, die Augen zu Schlitzen verengt. Es gibt nichts, wofür ich mich zu schämen brauche. Gar nichts. Trotzdem steht mir auf einmal die Hitze im Gesicht.
Du bist schuld, denke ich dann so laut, dass er es gehört haben muss, und als hätte er es, öffnet er den Mund. Für einen Augenblick fühle ich sie beinahe in der Luft hängen, die Vorahnung einer Entschuldigung, auf die ich viel zu lange gewartet habe. Ich fühle, wie er sie mir jetzt gleich, völlig unverhofft und fürchterlich lapidar vor die Füße werfen wird und nichts, aber auch gar nichts, sich dadurch ändert. Nicht mehr. Nur sein Gewissen wird es erleichtern.
»Ich muss weiterarbeiten«, schlüpfen mir dann rascher Worte aus dem Mund, als Jonathan etwas sagen kann. Auf einmal spüre ich eine wahnsinnige Verachtung für diesen Menschen aufsteigen. Hinter mir fällt noch seine überstürzte Abschiedsfloskel in den Raum, aber ich bin, die Zahnpastatuben noch in den Händen, längst davongelaufen. Zwei Umwege nehmend, damit er es nicht sieht, verstecke ich mich schließlich im Büro. Dort sinke ich auf einen Schreibtischstuhl, von alten Emotionen überrannt.

Vor mir blinken die Liveaufzeichnungen der Kameras. Sie machen mir nichts aus, denn diese hier existieren, um mich zu beschützen und nicht umgekehrt. Ich suche Jonathan in den verschiedenen Mitschnitten und sehe ihm dabei zu, wie er auch ohne mich das Regal mit den Shampoos findet.
Hau ab, schreie ich ihn stumm an, verschwinde! Wütend schnippe ich mit dem Finger gegen seinen Kopf auf dem Bildschirm, der zum nächsten Regal weiterzieht.
Natürlich habe ich nicht studiert, fahre ich ihn wortlos an. Nicht nachdem ich bei der Begrüßungsveranstaltung, in zu vielen feindlichen Gesichtern ertrinkend, einem Mädchen panisch das Smartphone aus der Hand geschlagen habe, weil ich dachte, sie hätte mich beim Naseputzen gefilmt, obwohl sie die Kamera bloß als Spiegel benutzt hatte. Erschrocken schrie sie auf, alle haben sich nach uns umgedreht und mich angestarrt. Nie wieder habe ich einen Hörsaal betreten. Aber nach einem halben Jahr in der Psychiatrie und einem ganzen zu Hause, da hatte meine Mutter mich zu diesem Praktikum bei der Tante im Laden genötigt, mit einem Rausschmiss gedroht, falls ich nicht endlich etwas mit meinem Leben anfangen würde. Vor Kurzem erst habe ich die Ausbildung zur Drogistin abgeschlossen.
Johnny bleibt vor dem Regal mit den Düften stehen und nimmt sich das teuerste Parfüm heraus. Angeber! Ob die Leute mich damals auch weniger als Zielscheibe und mehr als Menschen erkannt hätten, wenn ich mir in der fünften Klasse einen fetzigen Spitznamen zugelegt hätte? Vielleicht. Vielleicht hatte ich auch einfach weniger Glück, aber meine Position in der Klassenhierarchie war die unterste. In der ersten Woche am Gymnasium war Alice noch meine Nebensitzerin. In der zweiten bereits Klassenprinzessin, umringt von einer Tussenarmee. Und ich, das naive Entlein vom Dorf, ein willkommener Spielball gegen die Langeweile.
»Hör ihnen nicht zu, lass sie doch einfach reden«, hatte Mutter den Terror bemüht leichtfertig abgetan, wenn ich weinend nach Hause kam. Sie unterstrich das zwar stets mit einer herunterspielenden Geste, aber setzte trotzdem oft ängstlich nach: »Das Abitur ist wichtig, Kind.«
Damit man rauskommt. So wie Jonathan, denke ich voller Hass, aber was … was macht der da? Schlagartig elektrisiert bis in die Haarspitzen rücke ich näher zum Bildschirm hin, um mir selbst zu glauben, was sich vor meinen Augen abspielt. Jonathan ist einen Gang weitergelaufen und friemelt am Karton des Parfüms herum. In einer Ecke bleibt er stehen, dreht sich der Wand zu. Fast berührt meine Nase den Bildschirm, als ich begreife, was er tut. Als ich begreife, dass er den Karton tatsächlich in ein Regalfach steckt – ohne Inhalt. Dann verzerrt sich mein Gesicht und irres Lachen bricht aus mir heraus. So viel dazu, Mama. So viel zu: Das Abitur ist wichtig!

Früher wiederholte ich den Satz gebetsmühlenartig, jahrelang. Und als Alice mir diesen Liebesbrief zuschob und filmte, wie ich ihrer Inszenierung zum Opfer fiel, war er bereits so tief in mir eingebrannt, dass ich auch dann noch weitermachte. Dass ich bis zum Abitur durchhielt, obwohl mein entsetztes Gesicht auf den Displays aller Handys an der Schule mindestens einmal zu Gast war. Und dort stellte mein Blick Jonathan jedes Mal wieder diese Frage, kurz bevor er aus dem Kamerabild verschwand: Warum?
Die Antwort darauf fand ich später mit Leichtigkeit wiederum in seinem Blick, immer, wenn dieser auf Alice fiel. Vier Wochen lang gingen die beiden nach der Aktion miteinander aus, vermutlich der Lohn für die Statistenrolle.
Eine ähnliche Verständnislosigkeit für Jonathans Verhalten durchflutet mich in diesem Augenblick, während ich beobachte, wie er den Flakon mehr als auffällig in die Innentasche seines Jacketts gleiten lässt. Hat er nicht den Magnetstreifen am Deckel gesehen? Das teure Parfüm wird nicht an der Verpackung gesichert, sondern direkt am Produkt. Aber Jonathan blickt nur hektisch suchend um sich, seine Bewegungen sind fahrig. Alles an ihm strahlt Paranoia aus. Nein, so klaut keiner, der weiß, was er tut.
Dann verschwindet er unerwartet aus dem Bild und läuft durch ein anderes, zwischen Naturkosmetik und Bodylotion, Richtung … Ich springe auf. In mir schreit die Wut Triumph. Sie entfacht pure Euphorie, auf Vergeltung spekulierend, auf die endlich ausgleichende Gerechtigkeit. Das lasse ich mir nicht entgehen, was für ein Vollidiot!
In meiner Hast stoße ich mich beim Verlassen des Büros an der Tür, bleibe leise fluchend im Schutz einer Säule stehen und warte, bis Jonathan den parallelen Gang durchschritten hat, bevor ich ihn eilig in die Gegenrichtung entlanghusche. Ich werde dabei sein! Ich werde die Demütigung in seinen Augen sehen, wenn er schockiert unter der hysterischen Alarmsirene erstarrt. Das ist eine viel bessere Entschuldigung als alle Worte, die er je hätte sagen können.
»Sie dürfen auch zu mir kommen«, biete ich mechanisch freundlich an, gehe zügig an der Schlange vorbei und öffne eine zweite Kasse. Die hintersten Leute folgen mir wie eine Horde Schafe. Kommt mit, denke ich, schaut es euch aus der ersten Reihe an, Jonathan wird gleich bloßgestellt.
Ich muss dafür nicht einmal etwas tun, ich kann hier einfach sitzen und das Spektakel von einer absolut sicheren Position aus genießen. Meine Finger sind schwitzig, während ich Produkt um Produkt über das Fließband ziehe, das selige Grinsen kaum unterdrücken kann.

Jonathan nimmt mich nicht wahr, als er seine Kleinigkeiten auf das Band meiner Kasse legt. Nach fünf Kunden, die ich vor Aufregung mit zitternder Stimme bedient habe, sieht er erst von seinem Handy auf.
»Du schon wieder!« Noch mal stößt er sein schnaubendes Lachen aus. Ein Laut, irgendwo angesiedelt zwischen misslungener Witzigkeit und Arroganz, die … nein, dazwischen schwingt noch etwas anderes mit, etwas Unsicheres vielleicht?
Diesmal sehe ich ihn mir sehr bewusst an, den alten Sprücheklopfer, den Verräter, den Jungen vom Dorf. Sein Haar steht ihm schon immer wirr vom Kopf, aber vielleicht anders als früher. Nicht mehr absichtlich ungekämmt, sondern nur noch ungekämmt. Das Hemd hängt zu großen Teilen aus der Jeans, die tief über eine schlichtweg zu schmalgewordene Hüfte rutscht. Und auf den zweiten Blick ist das Hemd vielleicht gar nicht mehr absichtlich auf diese Weise drapiert, sondern einfach nur halbherzig hineingesteckt worden. Hinter Johnnys Ohr klemmt die Selbstgedrehte, leicht zerfleddert. Das Jackett ist an den Ärmeln abgewetzt. Es ist dasselbe, fällt mir plötzlich auf. Es ist das Jackett von damals, es ist ihm bloß nicht mehr zu groß. Man sieht die hängenden Schultern jetzt.
Warum hast du es nie ersetzt, will ich fragen und schweige. Es gäbe allen Grund dazu, so wie es aussieht. Und ich, ich hätte sogar mehr als allen Grund. Ich müsste nichts tun, nur hier sitzen und warten und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen, genau wie … Jonathan reicht mir einen Zwanziger. Meine Griffe beim Herausgeben des Wechselgeldes sind so routiniert und zielgenau, dass es mir kaum gelingt, den Zusammenstoß unserer Hände realistisch darzustellen. Die Münzen fallen mir viel zu gewollt aus den Fingern, zerstreuen sich klappernd auf dem Tresen.
»Hoppla!« Jonathan klaubt sie eilig zwischen den Shampooflaschen hervor und ich springe von meinem kleinen Drehstuhl auf, um ihm zu helfen. Dabei neige ich den Kopf, bis mir das Haar zur rechten Seite über das Gesicht fällt, damit niemand sonst die Worte von meinen Lippen lesen kann, die sich darüber schleichen: »Der Alarm wird angehen.«

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