Poetry Slam: Der halbblinde Maulwurf

Wann hast du dich zuletzt angestellt wie ein halbblinder Maulwurf?

Paul ist jedenfalls ganz und gar nicht beglückt darüber, dass ihm trotz seiner fünf Sinne immer nur ein mini Prozentsatz der Wirklichkeit zur Verfügung steht: Er kam, sah und stolperte in die Welt!

Doch wie soll man das Leben denn so bitteschön richtig begreifen? Wenn die Suche nach Erkenntnis in einen Tunnel führt, Äste dich absägen und du mit Zaunpfählen winkst: Dann reich der Weisheit am besten deine Zitrone rüber. Ein bisschen Maulwurf über den Nonsense und Sofas unter die Katzen: Es lebe die Sprache!

Da sich ein Slam-Text besser hört als liest, habe ich auch diesen aufgenommen – veröffentlicht wurde er im Podcast „lit.cast“ des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, gefördert vom Deutschen Literaturfonds. Zu hören direkt hier:

Das Märchen vom halbblinden Maulwurf

Es war einmal ein … halblinder Maulwurf, der hieß Paul.
Und Paul war so extrem kurzsichtig, dass er stets nur einen Bruchteil mitbekam, von dem, was um ihn rum passierte, weil von Milliarden Reizen sein mickriges Gehirn nur so fünf gleichzeitig bewusst zu fassen kriegte.

Ja, Paul kam, sah, und stolperte
in eine Welt der harten Fakten hinein,
Und weil ihm der Durchblick völlig fehlte,
erwuchs eine Todesangst in ihm, die ihn seither schrecklich quälte,
denn ein blindes Korn wird ja bekanntlich schnell von einem Huhn gefunden –
und Paul war ironischerweise auch noch an einen sehr sterblichen Körper gebunden.

„Wer hat sich diesen Relativitätsscheiß eigentlich ausgedacht?“, fragte sich Paul und wusste, dass er etwas verändern musste. Er wollte kein Maulwurf mehr sein, so verletzlich, halbblind und klein.
Also begann er das zu tun, was alle Maulwürfe tun, wenn sie am Ende sind mit dem Überlegen,
Paul fiel auf die Knie und begann zu beten.

Sofort erkannte auch jemand seine Not und es erschien der Sonnengott, er hieß Hellsinki und sein Motto war: „Lobe den Abend noch vor dem Tag, weil ich um diese Zeit immer Feierabend hab!“

„Oh, großer Herr der Sonne“, rief Paul voller Wonne, „Ich weiß, da ist noch so viel mehr als ich verstehe, aber wie soll ich die Welt mit dem Geiste begreifen, wenn nicht mal alles sehe, bitte, gib mir mehr Licht!“

„Es tut mir leid“, antwortete Hellsinki sogleich, „aber das kann ich leider nicht. Es ist dein Schatten, der ist über dich gesprungen und jetzt blendet er dich, nur du allein, kannst dich von ihm befreien!
Finde den Tunnel am Ende des Lichts, gehe dort hinein und dann stecke dir Sand in den Kopf, denn nur wenn du zurückkehrst ins gedankenlose Nichts, löst dein Schatten sich auf und du erkennst die Welt wie sie wirklich ist.

Hier nimm diesen Zaunpfahl mit, damit kannst du winken,
falls du deinen Weg mal verlierst und jetzt geh! Ich will endlich zur Ruhe sinken.
Dankbar nahm Paul den Pfahl und begab sich auf seine größte Reise.

Er ging unter Stein und über Täler; durch Berge, Dick und Dünn, irgendwann sogar übers Wasser. Aber dort nahm sich der Wind aus seinen Segeln und flüsterte ihm leise Worte zu. Paul verstand davon nur: Bahnhof,

woraufhin er sich sofort unter Qualen

in ein Gebirge begab, um dort mit der höchsten Eisenbahn zu fahren.

Aber was er auch ging, wohin er auch tat – mit seinem Tunnelblick war es ihm unmöglich einen Tunnel zu finden.

Irgendwann war Paul so erschöpft, dass er vor lauter Wald keinen einzigen Baum mehr sehen konnte. Und in seiner letzten Hoffnung suchte er nach herumliegendem Obst am Boden, denn ein Baumstamm steht ja nicht weit vom Apfel entfernt.

Und Paul fand auch einen Baum, auf den er klettern konnte, aber zu seinem Unglück saß ein Ast neben ihm und sägte ihn ab.

Paul war sehr empört, als er nicht nur in die Tiefe fiel, sondern auch noch jemanden darüber lachen hörte. Über ihm stand die Göttin der Weisheit mit grinsender Fratze, die zu seinem Schrecken, gleichzeitig auch die Göttin der Schadenfreude war, sie hieß Katze und war … eine Katze.
Und obwohl Paul sie als furchtbar arrogant empfand, begann er sie sofort zu ehren: Denn bis heute noch kann niemand sich gegen die Göttlichkeit einer Katze erwehren. Demütig kniete Paul nieder und sprach:
„Hilf mir! Ich wollte den Tunnel der Erkenntnis finden und bin so viele Wege entlang gelaufen, aber sie alle führten mich nur nach Rom!“

Schallend lachte die Weisheit. Na und, wenn du jetzt zu viele Zacken in deinem Lebenslauf hast, dann brich dir doch einfach ne Krone daraus.

Und mit diesen wenig Worten stolzierte die Katze von dannen, um fortan unter ihrem Sofa zu verharren.

Paul versuchte mit größter Mühe und seinem Wurstbrot die Katze zu locken –aber eine Katze tut nie das, was man von ihr will! Und es waren die erbärmlichsten Momente seines Lebens, in denen Paul allen Sinn für sein Vorhaben verlor und er erkannte in dieser dunklen Stunde jäh die Hoffnungslosigkeit aller Rationalität.

Endlich, er hats geschnallt!, sprach da plötzlich eine höhere Gewalt, es machte Plopp und die Göttin der Liebe erschien.

Sie gestand auch gleich voller Güte: Ich bin es, die dich blind gemacht hat, denn die Wahrheit ist: Wenn du mehr sehen würdest, könntest du nur noch halb so viel interpretieren … wo wär denn da der Witz?

Ich mein, wenn du überall nur deinen intellektuellen Senf dazu gibst, musst du dich nicht wundern, dass dein Leben langweilig schmeckt.

Streu dir lieber mal eine Prise Blödsinn in die Suppe, wenn du sowieso auslöffeln musst und dann freu dich darüber, weil das immerhin bedeutet, dass du den Löffel noch nicht abgegeben hast.

Deshalb hör auf dich zu grämen, natürlich kann man diesen Kamm nicht über alles scheren, aber am meisten Spaß macht das Leben doch, wenn du deine Tassen einfach aus dem Schrank nimmst – und gemütlich einen Tee draus trinkst, wenn du grade sowieso am Warten auf mehr Einsicht bist. Und kannst du der Weisheit das Wasser nicht reichen, dann reich ihr doch wenigstens die Zitrone rüber, die du aus deiner Limonade gemacht hast.

Hey, warte – ich hab ne Idee – hier nimm, das wird sich lohnen:

Ich schenk dir ein paar Worte zum Verknoten. Mach noch ein paar schlechte Reime rein und Verse draus – und dann setz dich mit deinen Gedichten ins Glashaus und wirf mit Steinen, denn Scherben bringen Glück. Jetzt lächel doch mal, hier hast du einen Stift! Komm, genieß mit mir den Augenblick, denn mehr als nur immer diesen hast du nicht.

Und so endet Pauls Märchen mit dem Segen der Poesie, die die Liebe ihm schenkte – schnell war daraufhin er zum Dichter geworden, der das Leben halt nicht versteht, dafür aber interpretiert … und solange so ein ästhetischer Nonsense wie die Poesie noch existiert: Solange ist auch ein halbblinder Maulwurf noch längst nicht gestorben.

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