Mein Weg zum externen Abitur – Teil 5

Wie habe ich es geschafft, die krasse Allein-Abi-Zeit durchzustehen? Welche Geheimtricks haben mir bei der Nichtschülerprüfung geholfen? Im letzten Teil meines Abi-Berichts möchte ich mit dir teilen, wie ich mein Selbststudium und die Externenprüfung des Abiturs überlebt habe.


Mein Fazit zur Nichtschülerprüfung

Was ich vorher total unterschätzt habe: meine Nerven. Sowohl vor den schriftlichen als auch ein paar Tage vor den mündlichen Abitur-Prüfungen überkam mich ein Ich-schaff-das-niemals-Heulanfall und das Gefühl absoluter Verzweiflung: Was hatte ich mir nur dabei gedacht, mich zu etwas anzumelden, wovon ich keine Ahnung habe?!?! Trotzdem bin ich zu insgesamt 12 Prüfungen aufgetaucht und habe mich der Herausforderung gestellt. Und zwar so:

„Being strong feels exactly the same as being weak.
The difference is: You donʼt quit.“

Dieses Zitat aus einem Lied von Chase & Status begleitete mich kontinuierlich durch die Abi-Vorbereitungszeit. Immerhin war ich 8 Jahre lang aus der Schule draußen und hatte erstens überhaupt keinen Bezug mehr zum Stoff sowie zweitens im Angesicht der schieren Masse an Themen regelmäßig das Gefühl zu ersticken:

Nerven einsammeln und dann weiterlernen.

Da sitze ich und verlange mir stundenlang alle Konzentration und Geduld ab, um herauszufinden, wie ich eine Ebenengleichung von Parameterform in Koordinatenform bringe – und habe doch im Hinterkopf, dass das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Ein wichtiger Tropfen, weil alle Tropfen wichtig sind, aber eben nur ein Tropfen und wie soll ich alle diese abertausend Tropfen rechtzeitig kapieren, bevor Prüfungen sind und AAAAHHHH.

Und in genau solchen Momenten rief ich mir das obige Zitat in den Kopf: Jemand starkes fühlt sich nicht besser als ich. Er fühlt sich wie ich – und macht weiter. Ich muss oder sollte mich also gar nicht anders fühlen, sondern brauchte nur weiterzulernen. Mehr nicht. Ich musste nicht wissen, wie ich die Prüfungen schaffe. Nur weiterlernen. Ich musste jetzt nicht wissen oder kapieren, was eine e-Funktion oder ein Integral ist, was 1845 geschah oder warum Danton stirbt, was Lamarck von Darwin unterscheidet, was ein Schwellenland oder Genexpression ist, was Bismarck getrieben hat, welche Art der Stimmenmehrheit es für eine Bürgermeisterwahl braucht oder worum es in Gatsby geht. NEIN. Ich musste nur. Hier. Jetzt. Diese. Eine. Sache. Weiterlernen. SCHAFFST DU DAS, JANINA? … Ja, ich schaffte das. Manchmal. Jedenfalls wurde es zu einer Schlüsselfähigkeit, meine anderen Gedanken, Ängste und alles andere aus meinem Kopf auszusperren und mich einfach nur auf diese eine Aufgabe direkt vor mir zu konzentrieren – welcher von den beiden war nun gleich der Richtungsvektor?

Den Fokus zu halten anstatt geistig einfach durchzuknallen, war vielleicht die größere Herausforderung als der Stoff selbst. Aber: Wenn Stärke und Schwäche sich gleich anfühlen, muss ich ja nichts weiter tun als nur immer weiterzulernen …

Be not afraid: Itʼs just a game“

Das zweite Songzitat, diesmal von Robert Delong, das mich vor allem durch die Prüfungen trug. Nach dem emotionalen Downer der schriftlichen Prüfungsergebnisse betrachtete ich die mündlichen Prüfungen als Spiel. Ein Spiel, bei dem es einfach nur darum geht, möglichst viele Punkte zu sammeln. Die mündlichen Prüfungen des externen Abiturs sind genau dazu da: So viel Stoff der Oberstufe wie möglich abfragen, damit ich die Chance bekomme, so viele Punkte wie möglich zu machen. So nahm ich die Prüfer*innen auch nicht als Gegner, sondern als Teammitglieder wahr: Sie gaben mir Gelegenheit dazu, so viele Punkte wie möglich zu sammeln, indem sie so viel wie möglich fragen, damit ich so viel wie möglich antworten kann. Diese Perspektive war für mich einladend und ermutigend.

Mundwinkel hoch – wir spielen doch nur 😉

Sowieso: Wenn ich nicht mit dem Mindset „Das ist alles nur ein Spiel“ an die Schulfremdenprüfung herangegangen wäre, dann hätte ich sie vermutlich nicht bestanden. Denn der Gedanke erlaubte mir, diese Herausforderung überhaupt anzunehmen.

In Kontakt mit den Lehrer*innen

Die Lehrer*innen an dem Gymnasium waren sehr freundlich. Sie waren allesamt „auf unserer Seite“ und gaben sich Mühe, die Prüfung gemeinsam mit uns zu gut durchzustehen. Man spürte ihr Wohlwollen und sogar ihren Respekt für unsere Leistung. Was ich aus meiner jetzigen Draufsicht viel zu wenig nutzte, war selbständig mit den Lehrer*innen in Kontakt zu treten, um mit ihnen über den genauen Ablauf der mündlichen Prüfungen zu sprechen. Da jede*r Lehrer*in letztlich doch eigene Schwerpunkte setzt, wäre das sicher hilfreich gewesen, um den Stoff noch mehr einzugrenzen und wertvolle Tipps zu erhalten.

Im Nachhinein habe ich mir im Vorhinein auch bei den Nebenfächern zu viel Stress gemacht. Sie sind deutlich weniger anspruchsvoll. Deshalb freue ich mich auch, dass ich hier im Endeffekt überall höher punkten konnte als in den Hauptfächern. Wer seinen Notenschnitt nach den Prüfungen in den Hauptfächern so wie ich also noch heben will, dem sei angeraten, die letzten Wochen vor den mündlichen Prüfungen ein weiteres Mal Vollgas zu geben. Denn die Nebenfächer lassen sich auch deutlich einfacher selbständig erarbeiten.

Lerne immer und überall – außer wenn du Pause machst

Ohne Pausen kein effektives Lernen

Und wirklich: Mache Pausen! Ich habe öfter über den „klugen Punkt“ hinaus gelernt – der Punkt, an dem du merkst, dass du einfach nicht mehr aufnahmefähig bist. Das Zeug bleibt dann sowieso nicht mehr hängen und man ist viel schneller frustriert, wenn man es nicht gleich rafft. Also lieber zwischendrin viele Pausen einplanen, in denen du auch wirklich was Cooles machst. Ich hatte am Tag vor meiner schriftlichen Deutschprüfung sogar noch ein zweites Date … Das radierte sehr effektiv jeden Prüfungsgedanken aus meinem Hirn. Und nichts entspannt mehr als Küssen auf einer Frühlingswiese. Ähm ja.

Aber weiter im Text: Wenn du also nicht gerade Pause machst, lerne. Einfaches Prinzip, was? Ich lernte zum Beispiel sehr viel beim Spazierengehen (Karteikarten und Zeug im Kopf frei aufsagen) sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln – wenn ich gerade auf dem Weg zur Tanzparty oder zum Eislaufen war (Coole Sachen machen zwischendurch, du weißt schon 😀 Wie wirst du sonst die Motivation aufbringen, mehrere Monate das Lernen durchzuhalten?). Immer wieder hielt ich mich selbst bei der Stange, indem ich als Belohnung fürs Lernen irgendwas Schönes machte, Freunde traf, tanzen ging, whatever.

Wie Begeisterung dir den Arsch rettet

externes Abitur Prüfungen Mut
Du bist nicht mutig? Ich auch nicht. Aber ich tu einfach so.

Das Gute (aus meiner Sicht) an den mündlichen Abiturprüfungen ist, dass du eben nicht nur mit inhaltlichem Wissen punktest, sondern auch durch dein Auftreten. In den Minuten vor der Prüfung habe ich Self-Pepptalk, motivierende Musik und Körperübungen dazu genutzt, um mich innerlich vorzubereiten. Mit Sia und Kid Simius im Ohr bin ich durch das Klassenzimmer getanzt und habe mir vorgestellt, wie ich gleich überglücklich und mit 15 Punkten aus der nächsten Prüfung komme (zu denen es nirgends ganz gereicht hat, löl).

Angemessene Klamotten, ein Strahlen und vorgespieltes Selbstbewusstsein begleiteten mich in die Prüfung: Lehrer*innen sind auch nur Menschen, die von äußeren Merkmalen beeinflusst werden, ob sie wollen oder nicht. Und ich selbst natürlich auch – weswegen all diese Maßnahmen auch zur Selbstüberzeugung dienten.

Was Mietze und Epikur gemeinsam haben: Sie lenken mich von dem ab, was ich eigentlich vorhatte.

Gerade in Latein holte ich meine 13 Punkte, indem ich eine kick-ass Präsentation hinlegte, die ich voller Begeisterung vortrug. Ich lache innerlich immer noch, wenn ich mich erinnere, wie ich so leidenschaftlich meine lateinische Textstelle vortrug, als hätte ich nie in meinem Leben etwas Vollendeteres als diese Worte gehört … und mir in Wahrheit keine unnötigere Sprache zum Lernen vorstellen kann. Meine Präsentation war auf jeden Fall enorm (!) viel besser als mein tatsächlicher Wissensstand. Ich wusste nicht einmal, wie man das Verb „sein“ konjugiert (was mich vermutlich auch mindestens einen Punkt kostete, na ja).

Tatsächlich wurde mir hinterher Originalität und Enthusiasmus von den Prüfer*innen ausdrücklich hoch angerechnet – immerhin begann meine Präsi mit dem Aufhänger: „Was Epikur und meine Katze gemeinsam haben“.
Merke 1: Katzen und Begeisterung ziehen immer 😉
Merke 2: Wenn du keine Ahnung hast, ist es umso wichtiger, dass du wenigstens begeistert bist.

Bereue ich meinen Schulabbruch?

Nach meinem Abi‑Marathon stellt sich noch eine letzte Frage: Bereue ich, dass ich die Schule abgebrochen und das Abitur selbständig nachgeholt habe?
Einfache Antwort: Auf gar keinen Fall.
Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Natürlich wurde der Prozess dadurch komplizierter, teurer und aufwendiger. Das war übrigens auch das Totschlag‑Argument der meisten Leute, die mich damals vom Schulabbruch abhalten wollten.

Aber: Für mich wurde das externe Abitur so, so, so viel bereichernder und auch lehrreicher als hätte ich es damals als Schülerin gemacht. Denn damals empfand ich die Schule als große Belastung, während es nun ein selbstgewähltes Abenteuer war, dessen Rahmenbedingungen ich selbst bestimmen konnte.

Ein Gefühl für …

Abi-Erfolg bei der Schulfremdenprüfung
Der Abi-Erfolg war für mich mehr als nur ein paar Noten.

Das Anstrengendste des externen Abiturs war im Endeffekt, detailliert herauszufinden, was drankommt und mich exakt darauf vorzubereiten. Das ist eine Menge Detektiv-Arbeit, die sich der normale Schüler erspart. Aber mich selbständig mit dem Stoff auseinandersetzen zu dürfen, war ein Segen – nie und nimmer hätte ich als 17-jährige diesen ganzen Kram so aufmerksam und eigenmotiviert gelernt. Allein inhaltlich habe ich mir sehr viel Allgemeinwissen angeeignet, das ich im Detail zwar nicht mehr abrufen kann, aber wovon das Gröbste beziehungsweise Wichtigste noch da ist. Ich könnte jetzt nach drei Jahren zwar aus dem Stegreif keine Kurvendiskussion mehr durchrechnen, aber dafür habe ich ein Gefühl dafür, wie mathematisches Denken funktioniert. Ich kann zwar nicht mehr alle Maßnahmen der Nazis chronologisch mit Daten oder jeden wichtigen Akteur der Weimarer Republik auswendig aufzählen – aber ich habe ein Gefühl für die Zusammenhänge der (deutschen) Geschichte gewonnen, das mir jetzt hilft, mich mit der gegenwärtigen politischen Situation reflektierter auseinanderzusetzen. Ich kann nicht mehr alle Schritte der Signalübertragung zwischen Nervenzellen aufsagen – aber ich habe ein Gefühl dafür, wie Zigaretten oder Alkohol diesen Prozess schädigen.

Und so zieht sich das auch durch die anderen Fächer – die Details verschwimmen, die Essenz bleibt. Und noch viel wichtiger: Es bleibt vor allem das, was ich über mich gelernt habe. Dass ich zum Beispiel die Fähigkeit besitze, mich zu motivieren und an etwas dranzubleiben, mutig zu sein und mir neue Inhalte selbständig aneigenen kann. Dass ich manchmal fünfmal am Tag aufgebe und dann trotzdem weitermache. Dass es dennoch keine Allein-Leistung ist, sondern ich von so vielen Menschen unterstützt wurde. Und natürlich, dass sich mein Motto bewahrheitet hat: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Und du so?

Wenn du gerade überlegst, ob du die Nichtschülerprüfung angehen möchtest oder dich bereits angemeldet hast, dann hoffe ich von Herzen, dass mein Erfahrungsbericht dich gestärkt hat. Aber beachte: Dieser Bericht ist über die Schulfremdenprüfung in Baden-Württemberg. Falls du in einem anderen Bundesland wohnst, könnten die Inhalte und Anforderungen bei dir anders geregelt sein.

Und ja, wenn man meinen Bericht am Stück durchliest, könnte man vielleicht erst mal erschrecken angesichts der schieren Menge an Stoff. Aber ich möchte dir Mut machen: Du musst das nicht alles auf einmal wissen, sondern nacheinander. Zwischen vielen Prüfungen ist genügend Zeit, geistig auf das nächste Fach „umzuswitchen“. Und wenn ich das schaffe, dann schaffst du das auch.

3 Gedanken zu „Mein Weg zum externen Abitur – Teil 5

  1. Hallo Frau Michl,

    wir sind gerade zufällig auf Ihren Blog gestoßen.

    Wie schön, dass Sie Ihr Wunschstudium aufnehmen konnten und damit glücklich sind! Wir wünschen Ihnen auch weiterhin alles Gute.

    Ihr ausführlicher Bericht wird für unseren aktuellen Prüfungsjahrgang und kommende Kursteilnehmer:innen wertvoll sein (auch wenn sich viele Inhalte schon wieder geändert haben).

    Viele Grüße,
    Silke Günther (Lernzentrum am Killesberg)

    1. Hallo Frau Günther,

      Sie haben den Bericht ja schnell gefunden 🙂 Ich erinnere mich so gut daran, wie ich selbst das Internet nach Erfahrungsberichten zum externen Abitur durchsuchte … und da bin ich erst jetzt auf die Idee gekommen, das ich das doch nun selbst mal verfassen könnte. Mir hat das ungemein geholfen, zu wissen, dass und wie andere diese Herausforderung schon gepackt haben.

      Danke für Ihre ganze Unterstützung dabei 🙂 Neben den wertvollen Infos haben Sie uns sehr viel Mut gemacht, um das gut durchzustehen.

      Und ja: Ich bin auch sooo glücklich darüber, dass es letztlich mit der Sozialen Arbeit noch geklappt hat. Das war ganz kurz auf knapp, ich hatte mich schon damit abgefunden, dass es nicht funktioniert … umso größer war die Freude hinterher (und ist sie immer noch!).

      Liebe Grüße,
      Janina

  2. Danke! – für diesen tollen, spannenden Bericht und dafür, dass du mir den fehlenden Funken Mut gegeben hast, um meine ganz persönliche „Abi-Challenge“ anzugehen! Tschakka, ich schaffe das 🙂

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