Kurzgeschichte: Zustand null

Hast du schon einmal den Zustand der Vollkommenheit erfahren?

Im Laufe ihres Lebens findet Sunny ihn – immer wieder, in den unterschiedlichsten Situationen und Momenten, meist unverhofft, zufällig, plötzlich. Aber je kramphafter sie danach sucht, je mehr sie ihn zu erzwingen versucht, desto unerreichbarer scheint er. Bis sie vor eine Wahl gestellt wird, die erst mal wie keine scheint. Und die Perspektive auf einmal Kopf steht.

Suchen wir ihn nicht alle – diesen einen Zustand der schweifrebenden Glückseligkeit? Sunny weiß: Wir machen es uns dabei nicht nur zu einfach, sondern zu schwer zugleich.

Zustand null

Vollkommen, das ist vielleicht das einzige Wort, das es über ihre gegenwärtige Verfassung zu sagen gibt. Das was übrigbleibt, wenn man alles wegnimmt und alles hinzufügt zur gleichen Zeit.
Näher als nah, ganzer als ganz, weil weder Nähe noch Ganzheit in ihrem Wortschatz existieren und darum auch die Gegenteile dieser Worte nicht, und weil generell kein Wortschatz existiert. Aber sie stattdessen, sie existiert grenzenlos, kennt weder ein Konzept von Zeit noch von Mangel. Wiegt sich in geborgenem Nichtwissen. Schwebt frei. In allumfassender Verbundenheit.

Enge. Aber keine Gedanken darüber und deshalb auch keine Bewertung. Nur eine Wahrnehmung dessen. Etwas passiert. Sie passiert: eine Pforte in einen neuen Zustand.
Augen öffnen sich, aber alles ist verschwommen. Fäuste und Arme und Beine öffnen sich und erfahren.

Sie ist der Kosmos, der Kosmos gehört ihr, ohne dass sie sich dessen bewusst wäre oder sie dies denken könnte. Es gibt nur sie und es gibt sie auch wieder nicht, denn eigentlich gibt es nur Wir. Der Kosmos ist ein zusammengehörendes, atmendes Wesen. Ohne das Andere könnte sie sich nicht begreifen, also begreift sie sich auch als das Andere.
Und jedes gefundene Stück Selbst ist nur eine Beziehungsleistung, nämlich das Herstellen eines Bezugs, des In-Bezug-Setzens. So kristallisiert sich das Ich langsam aus dem Du heraus. Bis sich das Ich eben doch irgendwann als etwas Eigenes gefunden hat, und sie zu einem Monster mutiert, weil der Kosmos nun etwas geworden ist, das es zu beherrschen gilt.

Später: Sie weht ihren Haaren davon, der Fahrtwind reißt ihr das glückselige Kreischen vom Mund. Dann dockt die Seilbahn an, der Schwung des Aufpralls zieht sie in einem wagemutigen Schlenker nach oben, der Körper will weiterfliegen, das Sitzblatt schwingt zurück – und für einen winzigen Augenblick ist sie schwerelos, freischwebend, lose.
So lose, dass sie sich schon wieder verbunden fühlt, fest eingewebt ins Nichts, einen Sekundenbruchteil lang während. Dann zwingen ihre um die Kette gekrallten Hände den Rest des Körpers auf das Sitzblatt zurück. Und jedes Mal fragt sie sich, was passieren würde, wenn sie im richtigen Moment losließe. Ob der freischwebende Sekundenbruchteil sie dann in sich festhielte und sie für immer schwebend bliebe. Wie der Übertritt in eine andere Dimension.

Mit spitzen Fingern und freudestrahlend hält sie das wundersame Wesen an die Luft. Sofort zieht es sich zusammen, darum bemüht, im eigenen Haus zu verschwinden.
»Lukas, schau!« Sie reckt ihm das schöne Tier entgegen. Doch anstatt ihre Freude zu erwidern, entfährt ihm ein Entsetzensschrei und er schlägt ihr die Schnecke aus der Hand.
»Nein, he – bist du blöd?«
Die Schnecke fliegt. Und landet mit einem Knirschen, das die Ohren zum Bluten bringt, auf den Pflastersteinen der Straße. Sie schreit. Lukas auch. »Mama, Mama, die Sunny ist so eklig, wuäh, pfui, widerlich! Die hat eine …«
Den Rest der sensationsgeilen Erzählung ihres Bruders übertönt der Schmerz, der sie in die Knie zwingt. Das halbe Leben der Schnecke, also die linke Hälfte, liegt in Scherben. Sie schneiden spitz ins Gewebe.
Sie erinnert sich daran, wie sie sich vergangene Woche beide Knie blutig schlug und die Hände aufschürfte. In ihrem ganzen Körper hallt jetzt dieser Schmerz noch einmal nach und verhundertfacht sich bei der Vorstellung daran, wie sich das wohl anfühlte, wenn man nicht nur mit Knien und Händen einen Fall abbremste, sondern mit dem ganzen Körper.
Lukas kommt von hinten heran, sie dreht sich um, will ihn anbrüllen – und erkennt zu spät. Als sie den Stein in seinen Händen sieht, saust der schon herab und begräbt das ahnungslose Wesen unter sich.
Sie jault auf und stürzt sich auf ihren Bruder. Bis ihre Mutter sie auseinanderzerrt, fehlen Lukas ein paar Haare und seine Arme werden von den Spuren mehrerer Fingernägel geziert.
Er hat gemordet, aber sie wird geschimpft. Und die Schuld wiegt ein doppelt verlorenes Leben schwer, und was sie mit der machen soll, das erwähnt ihre Mutter nicht.
Sie sammelt die zerschlagene Lebendigkeit ein, jedes einzelne der Scherbenstücke, und begräbt sie nahe des Flusses, in der Wiese, hinter der Seilbahn vom Spielplatz, vielleicht kann die Schnecke dort übertreten in einen anderen Zustand, vollkommen, schwerelos und schmerzfrei. Sie wünscht es ihr. Und schluckt dabei Tränen und Trauer und weiß nicht wohin mit all dem Gefühl, das sie zu verschlingen droht.

Das Denken löst das Fühlen ab. Der Kosmos wird jetzt nicht mehr beherrscht, sondern kontrolliert.
Dabei ist es ein Scheißprozess, die Welt kapieren zu lernen. Sich loszulösen von den Halbgöttern, deren Weltsichtbrille man automatisch übernommen hat. Die man sich mit zwölf, dreizehn, vierzehn und so weiter schließlich aus dem Gesicht pflückt, manche scheinen sogar ein Leben lang damit beschäftigt: das aufzudröseln, was sich von all dem Gedankenschmodder als elterlicher Imperativ ins Gehirn gefressen hat und was davon man selbst glaubt.
Doch je länger sie damit hadert und zetert, desto klarer wird ihr, dass es nie ganz voneinander zu trennen ist, da die Art, wie sie zu Erkenntnissen und Schlüssen gelangt, ist ja denn ebenfalls eine abgekupferte Strategie. Menschen sind Kopiermaschinen, sie vervielfachen Genetik und Glaubenssätze. Und sie fühlt sich gefangen im eigenen Denken, denn sie kann den Algorithmen nicht mehr vertrauen und damit auch den Ergebnissen nicht. Kontrolle ist der fortwährender Trugschluss, mit dem sie sich in den Schlaf einer verblendeten Sicherheit wiegt. Und so bleibt es ein konstantes Weltwackelbild, da sie zu verstehen beginnt, dass nichts, aber auch gar nichts, mit Gewissheit zu behaupten ist. Dass ihre Gedanken immer nur ein Abziehbild der Realität bleiben werden, abstrakt, zeitversetzt, unfassbar. Aber wenn auch der Verstand keinen Zutritt zum Mysterium hat, ja, was denn dann?

Papier begehrende Flammen fräsen sich durch Englischvokabeln und Deutschaufsätze. Um sie herum tanzen juchzende Trottel, die der Illusion erliegen, etwas von Bedeutung erreicht zu haben. Sie alle befinden sich nun laut gesellschaftlichem Konsens an einem Ort der mittleren Reife, was für eine hässliche Zustandsbeschreibung. Mittelreif, was soll das überhaupt sein? Ein absolut unbedeutendes Durchfahrtsstadium. Aber sie bezweifelt, dass die allgemeine Hochschulreife etwas an diesem schalen Gefühl ändern würde, vom Staat für dumm verkauft zu werden.
Nur sie allein sitzt darum ein Stück entfernt auf einem Stein, Folterwerkzeug und bequemer Sitzplatz zugleich. Sie hasst Steine. Und es ist sinnlos, Steine zu hassen. Sie liebt Steine. Für ihre Ästhetik, die in der scheinbar gleichgültigen Unförmigkeit verborgen liegt. Der Natur war es so sehr egal, wie die allermeisten Steine aussehen, dass es schon wieder spektakulär ist.
Doch so sehr sie auch ihren intellektuellen Hut vor der mathematischen Raffinesse eines Fibonacci-Schneckenhauses zieht, vor der alle menschlichen Epochen überdauernden Attraktion eines Lagerfeuers, vor der Anmut eines Steines, kurz: vor der unantastbaren Würde und Schönheit der Natur – genauso sehr liegt sie auch im Gottesstreit mit ihr, weil sie zulässt, dass ein ihr genetisch durchaus ähnelnder Bruder Schnecken zerschlägt. Und dass sie selbst den Schmerz darüber fühlen muss oder so etwas wie Schuld tragen kann, dass sie eins ist mit der Schnecke – im Gefühl eben –, aber auch wieder nicht, dass sie darüber grübeln kann; dieser ganze Widerspruch in sich, der bricht sie im Innersten.

Da löst sich einer der tanzenden Schatten aus dem hypnotischen Feuerzirkel, entflieht der Zentripetalkraft des Gruppenhypes, schweift ab, wie aus der Umlaufbahn geworfen. Eike.
Sie erkennt ihn erst, als er bereits vor ihr steht. Er macht keinen Hehl aus seiner Überzeugung, sie eines Tages zu entjungfern, darum wappnet sie sich innerlich für die nächste Abfuhr. Doch bevor sie den Mund aufmachen kann, sitzt er neben ihr und hat ihr Interesse geweckt: mit einem Plastiktütchen.
»Du siehst traurig aus. Völlig zurecht, meiner Meinung nach«, palavert Eike großspurig wie immer daher. »Dieser Abschluss bedeutet den Eintritt in die nächstgrößere Verpflichtung, nicht mehr. Aber ich hab da was. Gegen die Traurigkeit.«
»Wer sagt, dass man sie wegmachen muss?« Sie kneift die Augen zusammen. Sie weiß, was das ist. Gelogen. Sie ahnt es. Braunpulvrige Glückseligkeit.
Eike zaubert einen abgeschnittenen Strohhalm und ein flaches Stück Karton aus der Hosentasche, legt beides auf den Stein. »Wer spricht denn von wegmachen? Wir werden sie ersetzen. Gegen etwas Angenehmeres. Deine Traurigkeit ist nicht mehr als ein fehlendes oder nicht ausgeschüttetes Hormon an der richtigen Stelle. Chemische Prozesse. Wir bauen jetzt um.« All das brabbelt Eike so vor sich hin, während er nicht mehr als eine Messerspitze des Pulvers auf den Karton schüttet und mit dem Fingernagel die ausgefransten Ränder zu einer Linie zurechtschiebt.
Er snifft herzhaft. Sie beobachtet ihn ungeniert dabei, verfolgt jeden Handgriff, sie hat das noch nie gemacht, kennt das nur aus Filmen. Aber was Eike sagt, chemische Prozesse, das klingt logisch: Ändere etwas im Gehirn und die Realität ändert sich. Der Mensch ist ein Blindfisch, dem zu jedem Zeitpunkt seines Lebens – wenns hochkommt – kaum ein Tausendstel Prozent der Wirklichkeit zugänglich sind. Anderer Fokus, anderes Leben. Alles verändert die Wahrnehmung. Hunger. Traurigkeit. Schwerelosigkeit. Das ganze verdammte Leben ist ein wahrnehmungsverändernder Trip. Also warum denn nicht? Mithilfe dieser Gedanken hat sie sich selbst nun überzeugt und probiert es auch. Pulverrotze läuft den Rachen hinunter, so unerwartet bitter, dass sie sich wegdreht und erst mal kotzt.
»Macht nix«, lacht Eike.
Macht nix. Aus ihrer bitteren Kehle steigt der Zorn auf, das Arschloch hat sie verarscht, was soll die Scheiße, dieser Wichser, ekelhaftes Zeug – aber – das Feuer. Wie ein rot glühendes, riesiges Glühwürmchen. Eine wunderschöne, wärmende Lichtkugel. Ihr Blick schluckt das Feuer, und ein entspannender Strom aus Licht und Wärme fließt durch ihren ganzen Körper. Geborgene Zärtlichkeit. Sie lässt sich zurücksinken und schwebt ein Stück über dem Stein.
Eike greift nach ihrer Hand, und es ist gut so.
Normalerweise ist es ja so, dass Pulver sich in etwas auflöst. Aber mit Eikes Pulver ist es andersherum: Sie lösen sich darin auf. Und mit sich selbst auch die verdruckste Anspannung, Fremdheit, Traurigkeit. Alles weg, bamm, pulver-verzaubert, so schnell ist man befreundet.
Kopfüber stürzt sie plötzlich in diese Nacht, verschwindet mit Haut und Haaren darin, aufgesaugt, schlürf und weg und schwebend.
Und in diesem Stück Nacht, in den entscheidenden, genau richtigen 0,001 Prozent der wahrnehmbaren Wirklichkeit findet sie, was sie sucht: den Übertritt in die andere Dimension.
Eine alte Dimension. Wie könnte sie sonst ihr Leben lang Sehnsucht danach verspüren, wenn sie sie nie zuvor erfahren hätte? Der Kopf vergisst, der Körper nicht. Jeder Augenblick, von Beginn an, eventuell noch vor von Beginn an, denn wer weiß schon, was vor dem Beginn war, ist im Gewebe gespeichert, weitergegeben im Erbgut jeder einzelnen Generation. Als Information stets vorhanden: Adams und Evas Erinnerung an das Paradies.

Sie ist siebzehneinhalb, als sie von Zuhause wegläuft, weil ihre Eltern die Einstichlöcher auf den Armen finden.
Macht nichts, denn: Wenn zwei Körper, Haut auf Haut, zu lange in einer Position verweilen, vergessen beide, sie zu spüren. Die Wahrnehmung verschmilzt in der Berührung, bis keiner mehr weiß, wo der eigene Körper beginnt oder endet. Und darum liebt sie menschliche Berührung, seit sie sich darauf eingelassen hat. Weil sie sich darin auflösen kann.
Sie drängt sich an ihn, schließt die Augen und schläft ein. So ein Mann, der ist vor allem eine gute Gelegenheit. Eine Ahnung dessen, wie es sein kann: Wiedervereinigt zu einem Wesen zur absoluten Vollständigkeit zurückzukehren. Selbst wenn es Eike ist, mit dem man eine Weile Paradies spielt.
Er hat sie sofort bei sich aufgenommen, widerspruchslos. Eltern sind zu schrecklichen Taten fähig, wenn der Anblick ihres verkorksten Kindes sie dazu zwingt, sich darum zu sorgen, als Eltern versagt zu haben.
Eike ist schon längst von Zuhause ausgezogen. Seine schimmlige Kellerbude wird einwandfrei von Gedealtem finanziert. Hauptsache unabhängig leben. Ha, ha.

Was als Flucht ins Glück beginnt, endet als Flucht davor. Körper und Psyche zerfleddern. Für den pulverisierten Perspektivwechsel zahlt sie einen hohen Preis, für den Entzug aber kurzfristig einen noch höheren, was sie erfolgreich von dieser Maßnahme abhält – und stattdessen weiterhin andere sehr lebensfeindliche Maßnahmen ergreifen lässt, um für Minuten und Stunden dem Denken, dem Fühlen zu entfliehen und sich in sonnigem Vergessen zu wiegen. Nur dass diese Art zu vergessen nicht dasselbe unschuldige Nichtwissen ist, nach dem sie sich so sehr sehnt. Aber das wird ihr erst klar, als ihr Körper längst mit der Spritze verheiratet ist.
Und so sehr Berührung in seliger Zweisamkeit sie auch kurzzeitig zu heilen vermag, so ruinierend ist sie auch, denn das zeitweise aufbrandende männlich-weibliche Unverständnis erinnert und vertieft bei jedem Streit eine Urwunde, die sie spürt, aber kaum näher benennen kann als einen absoluten und allumfassenden Trennungsschmerz. Und dann trennt sie sich wirklich von Eike und schlägt sich alleine durch.

Nicht lange ist sie weg, nur wenige Wochen, da wird oben zu unten und unten zu oben.
Sie strebt zur Decke, also zu Boden, fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus und schluchzt.Aberje länger sie grübelt und sucht, ihr ganzes Leben ist eine verflixte Suche, desto klarer formt sich heraus, eine Erkenntnis wie aus einem Stein all ihrer Erfahrungen herausgemeißelt: Der einzig vollkommene Zustand ihres Lebens war der allererste.
Da wandelt sich ihr Schluchzen in winselnde Menschenlaute und in einer unwillkürlichen Geste legt sie die Hand auf den Bauch.
Eine kontaktsuchende Geste.
Kontaktherstellend wäre bereits zu viel gesagt, sie spürt ja nichts. Noch nicht. Noch ist es nur ein Wissen, nein, vielmehr ist es »ein Ausbleiben« gewesen und ein zweiter Strich auf einem von Urin rosa eingefärbten Stäbchen.
Wenn dies stimmt, denkt sie nun in ihren Bauch hinein, dann erlebst du im Augenblick den besten Seinszustand deiner Existenz. Und dann hast du ihn in wenigen Monaten bereits hinter dir. Dann bin ich deine Pforte ins Verderben. In jene größte Grausamkeit: die absolute Trennung.
Wenn dies stimmt, denkt sie weiter, schlussfolgert eher, denn es ist ihr schlüssig, logisch, eine zwingende Konsequenz, dann ist es eine Gräueltat, zu gebären. Ein Verbrechen am Ungeborenen.
Sie hatte es hinterher zerschnitten, das Stäbchen, bis nur noch Schnipsel übrig waren, Schnipsel, die alles hätten sein können. Sie brauchte zwei Tage, um sich einen weiteren Test zu trauen, in absurd verzweifelter Hoffnung, die Technik hätte im genau richtigen Moment versagt.
Hatte sie nicht, das weiß sie jetzt, zerdrückt ein neues Stäbchen in ihrer Faust, will das Ergebnis nicht sehen, nicht hören, nicht wissen. Aber wenn die Tatsache nicht länger zu leugnen ist, gibt es nur eine Option weiter zu verfahren. Und dieser Gedanke, der bricht ihr das schon gebrochene Herz. Sie muss sich beraten lassen, sie hat kein Geld auf der Seite, sie wird es irgendwie zusammenbekommen.
Es ist nicht mal eine Wahl. Es ist nur folgerichtig.
Zwei Stunden liegt sie dort, mit dem halben Gesicht in einer Tränen-Rotze-Pfütze und durchforstet mit dem Smartphone das Internet. Muss jedes Detail erfahren, wo, wer, wann, wie lange und wie viel und welche Schmerzen. Und als sie alle Details auswendig kann, ruft sie an. Beratungstermin, wann, jetzt, ja, am liebsten gleich.
Sie steht auf und nimmt die Jacke vom Haken, zieht die Schuhe an, es gibt nichts zu entscheiden, gebären, das ist inhuman.
Die Praxis ist fußläufig erreichbar, es ist früher Nachmittag, sie hat noch etwa drei Stunden bis zur nächsten Spritze, das sollte reichen. Sie schließt die Tür hinter sich.
Einige Sonnenstrahlen wagen vorsichtige Blicke zwischen regem Wolkenplüsch hindurch. Bis zur nächsten Brücke über den Fluss wird sie eine ganze Weile lang durch das Wohngebiet diese Straße entlanggehen. Die Straße neben dem Grünstreifen, neben den Bäumen, neben dem Wasser, das sie von der anderen Seite der Stadt trennt. Sie kann genauso gut den Kiesweg nahe dem Flussufer gehen, bis zur Brücke dauert es noch. Na gut.
Gras kitzelt die Knöchel in den Halbschuhen, als sie das Grün überquert, etwas tiefer liegt der Uferweg.
Vogelgezwitscher und andere Frühlingsgeräusche beschließen die frische Stimmung, Rascheln und Plätschern, da ist er. Eine Brise kitzelt die Baumkronen wach, macht das Wasser munter, das hier und dort gegen die Bäume und die Erde und den anderen Bewuchs schwappt.
Der Fluss, endlich erblickt sie ihn voller Gänze, und die Füße verbieten das Weitergehen.
Sie steht und schaut und bückt sich schließlich hinab. Streckt die Finger ins Wasser, das sie widerspruchslos und weich in sich aufnimmt. Und sie füllt den Fluss noch eine Weile mit ihren eigenen Tränen auf, die fortgetragen werden, die eins mit ihm werden, die zum Meer fließen. Sie alle streben nachhause. Zurück zum Ursprung. Jeder und alles und zu jeder Zeit.

Da hält auf einmal etwas inne, ein Beobachter des Gedankenstroms, die innere Instanz eines Zeugens, und er sagt: Du machst es diraber auch einfach. So erbärmlich einfach.
Sie ist zu sprachlos, um aufzubegehren, hält den Mund und suhlt sich noch einen makellosen Augenblick lang in der Idylle der Flussszenerie, die die Gedanken durchlässiger macht.
Und dann passiert schon wieder etwas Unvermutetes: Sie entkleidet sich komplett.
Es ist noch zu kalt, um zu baden.
Es ist nicht zu kalt.
Jede Zelle ihres Körpers gerät zuerst in helle Aufregung, doch verstummt und eint sich nach wenigen Schwimmzügen mit dem Wasser, das ihr auch die Last der Schwerkraft nimmt und sie leicht macht, auch leichter ums gebrochene Herz.
Wenn ein schon gebrochenes Herz erneut bricht, kann man das Gebrochene dann aus der Gleichung wegkürzen? Ein Widerspruch in sich. Und da blitzt es hell in ihr auf, dass ihre Schlussfolgerung falsch ist. Denn wenn Zustand null der einzig vollkommene wäre, dann wäre das ganze Leben ebenfalls ein Widerspruch in sich: Es wäre nur unfertig vollkommen. Nur vor dem Beginn. Und die Zustandsveränderung wäre ein Entwicklungsfehler.
Aber: Vergessen ist nicht dasselbe wie ursprüngliches Nichtwissen. Rückkehr ist nicht das Gleiche wie Vervollkommnung. Trennung und Verbundenheit müssten vielleicht nicht einmal notwendigerweise sich gegenseitig ausschließende Umstände sein.
Sie dreht sich auf den Rücken, streckt die Arme zu den Seiten aus, spreizt die Finger, lässt sich von der Strömung davontragen wie eine auf dem Wasser Gekreuzigte.
Sie macht es sich nicht nur zu einfach. Sondern zu schwer zugleich.
Was sie sucht, was sie alle suchen, es muss zu finden sein, zu jedem Zeitpunkt, auf ganz natürlichem Wege, weil es der natürlichste aller Zustände ist.
Sie öffnet die Augen. Über ihr zartgrüne Blätter und Äste, die nach einander greifen und sich über den Fluss hinweg zu berühren versuchen. Dazwischen ein Sonnenlichtspiel, das die Wasseroberfläche funkelnd macht und ihre zum Himmel hin geöffneten Handflächen streichelt. Eine vorbeiziehende Weide gibt eine sich hinter ihren schützenden, ins Wasser herabhängenden Armen duckende Entenfamilie preis. Der bunt gefiederte Vater empört sich schnatternd über sie, das lebendige Treibholz, und scheucht eine Horde kaum über das Wasser reichender, gelber, quakender Köpfchen zusammen.
Sie atmet all diese Schönheit, die sich in ihrem Blickfeld niedergelassen hat. Atmet sie tief in sich hinein, schmeckt sie in den Lungen und schließt die Lider. Lässt sich rückwärts mit dem Kopf zuerst unter die Wasseroberfläche gleiten, die Arme helfen nach.
Dumpfes, beruhigendes Rauschen, das alle Weltenklänge mischt und dämpft und beruhigt. Körper und Wasser, die solange in der Berührung verweilen, bis die Wahrnehmung der eigenen Grenzen nachlässt, bis beides miteinander verschmilzt. Bis sie freischwebend dahingleitet. Sich ihrer selbst gewahr, lebendig und denkend, fühlend und unschuldig wie ein Noch-nicht-Geborenes zugleich.

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