Bis zum Hals

Ein Roman über Bulimie

Kotze, bis du tot bist!
fordert das Monster
Willst du nicht leben?
flüstert die Katze

Die sechzehnjährige Paula hungert, um sich aufzulösen. Als die Magersucht in Bulimie kippt, wird es für sie immer schwieriger, die Essstörung zu verheimlichen. Doch seit ausgerechnet Thilo sie angesprochen hat, ist Paula sich nicht mal mehr sicher, ob sie das überhaupt noch will.
Aber wie entscheidet man sich für das Leben – mit einem Monster im Kopf? Paula sagt der Essstörung den Kampf an, was schnell in einen Krieg gegen sich selbst ausartet. Bis Paula etwas versteht, das ihre Perspektive auf den Kopf stellt. Und sie sich Schritt für Schritt von der Essstörung befreien kann.

Februar 2021: Rezension auf dem Buchperlenblog

Leseprobe – Bis zum Hals

Aus Kapitel 2Das Monster lebt vom Piepsen

»Paula!«, zischt Helen und versetzt mir einen Stoß in die Rippen. »Die meint dich!«
»Was?«, reagiere ich automatisch und bin zum zweiten Mal die Lachnummer heute. Frau Mayer bekommt diese roten Flecken auf den Wangen, die nichts Gutes verheißen. Betont ruhig sagt sie, und es soll klingen, als würde sie es nur sagen, aber in Wirklichkeit ist es ein Befehl: »Raus.« Ein bedeutender Fingerzeig unterstreicht die Botschaft. Wie unsinnig. Pures Machtgehabe. Als wäre ›Raus‹ nicht unmissverständlich.

Also gehe ich. Wortlos. Weil ich weiß, dass es sie befriedigt, wenn ich gedemütigt schweige. Jedes Wort, jede Geste, schon ein Blick hätte genügt, ihre Potenz versehentlich in Frage zu stellen. Ich schlucke meinen Protest hinunter. Man könnte ihn einem dermaßen unsicheren Menschen nicht auch noch zumuten. Ich zwänge Frau Mayer geradezu, ihre Autorität ein weiteres Mal gewaltsam unter Beweis zu stellen. Und auf Nachsitzen habe ich keine Lust, das ist das Schlimmste.
Ich schließe die Türe des Klassenzimmers lauter als nötig. Aber es geht mir sofort besser, als ich mich von der Stille des Korridors voll empfangen lasse. Voll. In der Tat war das eine ziemlich exakte Beschreibung meiner Sommerferien. Voll mit Lebensmitteln. Auf die eine oder andere Weise. Der Gedanke piepst. Das erinnert mich an etwas und ich setze mich auf den Boden, ziehe das klitzekleine Notizheft aus meiner Hosentasche hervor. Ich schreibe: Ungefähr ein Glas Sojamilch. Piepsen. Ich schreibe: Vier Esslöffel Fruchtmüsli mit Beeren. Piepsen. Ein Apfel. Piepsen. Dann rechne ich Energiegehalte zusammen, die ich allesamt im Kopf habe und das Ergebnis ist zu groß. Zu groß für ein strafendes ›Raus‹, zu groß für den bewaffneten Konflikt am Morgen und zu groß für Sabrinas Sticheleien.

Ich sehe um mich, keine Katze weit und breit. Also laufe ich aufs Klo, atme mir den Uringeruch tief in die Lungen und kotze das ›Rausfast schon von alleine wieder aus. Zusammen mit einem Brei aus Apfelstückchen, Rosinen und Vollkornflocken.
Jetzt ist mir schwummrig im Kopf. Erbrechen kostet mehr Kraft als Frühsport. Ich schwanke zurück vor das Klassenzimmer, lehne mich an die Wand und schließe die Augen. Meine Knie zittern. Aber noch halte ich stand. Unter dem Gedanken fasse ich neuen Mut, solange das Monster schläft, kriege ich das alles irgendwie hin. Habe ich früher schließlich auch geschafft. Also bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Weiterhin gegen die Wand gelehnt, öffne ich die Augen wieder. Alles ist grau. Selbst wenn ich aus dem Fenster sehe, ist da nicht mehr als ein grauer Pausenhof. Wie hat sich die Katze das nur vorgestellt? Lass dich doch einfach mal darauf ein. Ohne Sattgrün, ohne Schnecken, ohne Wind um die Nase. Wind. Bei dem Gedanken gleite ich mit der Hand in die Hosentasche, finde meinen Haustürschlüssel und ertaste den Anhänger daran. Eine im Wind gewellte Mähne, spitze Ohren, der kurze Kopf eines Ponys. Auf einmal ist da in meiner Brust noch etwas anderes als Widerstand und Wut.Es ist ein feiner Schmerz, der fließt wie von dem Anhänger aus durch meine Finger und mir ins Herz.
Ich vermisse dich, wallt das Gefühl jäh in mir auf. Du bist mein zarter Schmetterling und ein wilder Sturm und ich vermisse dich.
Und dann klingelt es zur Pause. Es reißt mich zurück in das Einheitsgrau meines Alltags. Der Schmerz verschwindet wieder still unter der Wut.
Für zehn Minuten rausgeschickt, denke ich mit einem verächtlichen Schnauben, keine sehr effektive Erziehungsmaßnahme.
Das denkt sich Frau Mayer wohl ebenfalls, denn sie gibt mir eine Strafarbeit. Ich frage, die Wut mittlerweile nur noch mühevoll unterdrückend: »Weswegen eigentlich?«
Und sie antwortet: »Genau deshalb!«
Bevor die Wut mich meine Fassung kostet, gebe ich nach und verbleibe still. Sie fühlt sich bestätigt. Dieses Schweigen, das ist die eigentliche Strafe. Frau Mayer gibt mir nicht vor allem zusätzliche Arbeit, aber sie nimmt mir mein Widerwort. Ich will mich gerade umdrehen und endlich verschwinden, als ich bemerke, dass sie einen argwöhnischen Seitenblick an mich geheftet hat.

»Paula, warte mal«, bittet Frau Mayer nun und hat den Tonfall einer strengen Lehrerin für den Moment abgelegt. Ich beiße mir auf die Lippe und wende mich ihr erneut zu. Es zehrt an meinen Kraftreserven, die abgeklärte Haltung zu wahren und um uns herum lärmt die jugendliche Menge. Sie drängt zum Pausenhof, denn vor dem Schulgebäude sonnt sich der September trunken im Restsommer.
Einige Zeit lang betrachtet Frau Mayer mich stumm und ich realisiere, dass sie wartet, bis alle anderen Schüler den Raum verlassen haben. Steif stehe ich da, alarmiert bis in die Zehenspitzen.
»Was gibt es?«, frage ich mit aller Freundlichkeit, die ich aufbringen kann und das ist nicht sonderlich viel. Meine Tonlage verrutscht in unnatürliche Höhen.
Anstatt mir zu antworten, fragt Frau Mayer: »Paula, geht es dir gut?«
Meine Kehle schnürt sich zu bei diesen Worten, was bildet die sich eigentlich ein? Verpasst mir erst eine Strafarbeit und denkt tatsächlich, mich hinterher nach meinem Befinden fragen zu können! Meine rechte Hand legt sich auf die linke, verbirgt reflexartig die Wunden an den Fingerknöcheln, die ich heute schon einmal vor jemandem verborgen habe. Aber wenn man sich die Hand ständig bis zum Anschlag in den Rachen schiebt, gibt die Haut unter den nagenden Zähnen irgendwann nach.
»Ja«, entgegne ich bedächtig, aber mein Puls ist auf hundertachtzig. Ich spüre, dass das Eis dünner geworden ist. Ihr harmloser Stimmklang droht an, dass sie unsere Begegnung auf eine zwischenmenschliche Ebene verschoben hat.
»Hast du dich in den Sommerferien denn gut erholen können?«, hakt Frau Mayer nach, nun beinahe sanft und weckt Erinnerungen, die ich alle vergessen haben möchte. Hastig nicke ich.

Eine Welle Unsicherheit schwappt ihr über die Gesichtszüge. Sie hat eine ausführlichere Antwort erwartet. Schließlich war ich im Juli ganze drei Wochen krankgeschrieben und das weckt natürlich Neugierde. Aber das Immunsystem einer permanent Hungernden gibt eines Tages zwangsläufig den Geist auf. Schlussendlich bin vor den Sommerferien gar nicht mehr zur Schule gekommen, weil ich wiedermal mit einer Grippe im Bett lag, während die Welt draußen den Beginn des Sommers feierte. Dazu wurde bei herrlichem Wetter der Grill angeschmissen, meine gesamte Familie war bei Freunden zum Essen eingeladen. Nur ich blieb alleine zu Hause, mürbe vom Fieber. Tagelang hatte ich mich schon durch das Bett gewälzt, traumschwer und schwitzend und frierend zugleich. Mein Sport- und Essensplan war durch die Krankheit völlig durcheinander geraten und wenn ich etwas hasste, dann war das Unruhe in meiner Routine. Meine Tabellen waren bei der Gewichtsabnahme doch meine Konstanten im Leben geworden, die mir Halt gaben. Dabei war meine treuste Gefährtin die Disziplin. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mich bis zum bitteren Ende zu begleiten. Aber an diesem einen Tag, ich war von der Grippe emotional zerschlagen, schwächelte sie unter den körperlichen Schmerzen bedrohlich.

Ich warf einen deprimierten Blick auf mein vernachlässigtes Sportprogramm und mich befiel ein leises Gefühl der Sinnlosigkeit. Ob ich wohl zugenommen hatte? Nicht einmal das wusste ich mit Sicherheit, denn Mutter hatte eine Weile zuvor die Waage versteckt. Sie wollte mir das Wiegen nicht mehr zugestehen. Ich saß also auf dem Bett und merkte, dass ich absolut keine Möglichkeit zur Überprüfung hatte und außerdem für eine weitere Suchaktion der Waage, davon gab es natürlich einige, keine Kraft mehr. Und im Moment dieses Gedankens knurrte mein Magen.
Das war der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen brachte, von dem ich gar bisher nicht gewusst hatte, dass es schon lange bis zum Rand gefüllt war. Als meine geschwächte Disziplin die Sturmwelle des überlaufenden Fasses ahnte, flüchtete sie. Die Hoffnung auf mein baldiges Entschwinden aus dem Leben lag eine Sekunde im Zweifel und meine Seele nutzte das, um durch die Rüstung zu brechen. Von innen heraus knackte sie die Schalen meines verbissenen Wartens und kämpfte sich an das Tageslicht. Dort hat das abgemagerte Kätzchen nach Luft geschnappt und mich fürchterlich ausgeschimpft: Was fiele mir eigentlich ein, sie da drinnen einzusperren und mich währenddessen in den Tod zu hungern? Sie hat da wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden!
Ich knickte unter ihrer Anklage ein wie ein Grashalm und keinen Moment später fiel der gebündelte Hunger zweier Jahre über mich her.

Also habe ich gegessen. Und zwar alles, was ich mir solange verwehrt hatte. Mein Körper war schnell am Limit, aber meine Seele nicht. Sie plünderte hemmungslos den Kühlschrank. Zu wissen, wie viele Kalorien ich da in Windeseile in mich hineinschaufelte und darüber hinaus, wie lange es brauchte, sich die hinterher abzutrainieren, waren Höllenqualen.
Unter Tränen habe ich gegessen, gegessen, gegessen und meine Seele angebettelt, aufzuhören. Wie sollte ich mit Grippe jetzt Sport machen, um all die Kalorien wieder zu verbrennen? Ich habe furchtbar geweint bei dieser Vorstellung, hatte seit Tagen Gliederschmerzen und Husten und wusste beim besten Willen nicht, wie ich damit Sport machen sollte. Also habe ich Mutters Hausapotheke nach Schmerzmitteln durchsucht und gedacht, mit denen könnte es vielleicht klappen und nebenher habe ich eine Tafel Schokolade vernichtet und weiter geheult. Indessen schoss eine gewaltige Flut Zucker durch meine Adern, bis mir die Sinne vollkommen vernebelt waren. Ich war im Rausch. Ein Rausch aus Tabletten, Fieber und Zucker. So wollte ich aufstehen, um Sport zu machen, ich musste schließlich Sport machen – bei all dem, was ich da gerade verschlungen hatte, nein, sogar immer noch am Verschlingen war – um Gottes Willen, ich musste doch Sport machen! Ich stand da, die halbgegessene Tafel in der Hand, zitterte am ganzen Leib.

[…]

Eine Ewigkeit später betätige ich die Spülung und sinke müde vor der Kloschüssel zusammen, umarme sie fest. Schluchzend halte ich meine Freundin aus Porzellan umklammert und weine dabei wie ein Schlosshund. Innerlich bin ich gerade zermürbt von der Welt, zermürbt und todmüde, aber eines spüre ich in diesen jämmerlichen Minuten ganz deutlich: Ich will das nicht mehr!

Weder aus dem Fenster springen, noch Lebensmittel verschwenden, noch kotzen. Keinen einzigen Tag mehr will ich mich von dem Monster kontrollieren lassen. Denn wenn es die Möglichkeit gibt, nur die klitzekleinste Möglichkeit darauf, dass Thilo tatsächlich Interesse hat, sich mit mir zu unterhalten – will ich alles dafür tun, es zu versuchen.
Also hieve ich mich hoch, wasche mir das verquollene Gesicht und schwöre inbrünstig dem Monster: Heute war das letzte Mal, ab morgen ändere ich alles!

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