Liebe Bulimie: Heute ist das letzte Mal

Also hieve ich mich hoch, wasche mir das verquollene Gesicht und schwöre inbrünstig dem Monster: Heute ist das letzte Mal, ab morgen ändere ich alles!

Buch Bulimie Essstörungen Roman Zitat

Mit diesen Worten sagt Romanfigur Paula ihrer Essstörung den Kampf an. Wie oft war bei dir schon „das letzte Mal“, bei welchem Thema auch immer? Und wie oft war „ab morgen“ die große Hoffnung auf einen Neustart?

Problem: Dieser Morgen wird niemals kommen, denn er wird zu diesem Zeitpunkt das neue Heute sein. Deshalb reichen die alles verändernden Vorsätze auch nur genau bis zum nächsten Morgen und dann ist alles wie immer. Vor allem, wenn es sich um Krankheiten wie Magersucht oder Bulimie handelt. Das ist nichts, was man „ab morgen“ einfach so loswird. So ergeht es auch Paula:

Es sind genau sechzehn Tage lang ›ab morgen‹, dann ist Helens Geburtstag.

Und Paula zählt auch noch eine ganze Weile lang die Ab-Morgen-Tage, bevor sich tatsächlich etwas verändert. Aber nicht über Nacht und nicht endgültig und nicht für immer. Sondern: nur für jetzt. Nur für diese Situation entscheidet sie anders als sonst.

Sich von einer schlechten Angewohnheit, einer Essstörung oder was auch immer zu verabschieden, ist kein einmaliger Beschluss. Sondern vielmehr ein immer wieder frisches und neues Beschließen für das Heute.

[ … ] weil immer doch nur immer jetzt ist. Und bei diesem Gedanken verschiebt sich in mir ein Bewusstsein von ›ab morgen‹ hin zur ultimativen Wahrheit meiner Existenz: für heute.

Ja, es ist gut, eine Vision davon zu haben, wo man in der Zukunft stehen möchte. Paula möchte gesund werden: nicht mehr hungern, nicht mehr kotzen. Aber die große Frage ist: Wie verhält sie sich genau heute?

Schafft sie es jetzt, anders als durch Überessen mit einer Demütigung durch ihre Klassenkameradin umzugehen? Schafft sie es, nur heute durch den Supermarkt zulaufen, ohne sich von all den Lebensmitteln verrückt machen zu lassen? Hält sie es aus, sich in diesem Moment traurig und einsam zu fühlen, ohne das mit einem Essanfall wegzudrücken?

Befreit atme ich in es hinein. In mein Hier. In mein Jetzt. In meine Lunge.

Der Bulimie trotzen: nur heute anders handeln

Das Gute ist: Paula muss auch nur heute schaffen. Der Kampf mit ihrem innerem Monster findet jetzt in diesem Moment statt, keine Ahnung, wie der morgen oder übermorgen sein wird, damit muss sie sich nicht beschäftigen. Alles, was für den Moment exisitiert, ist dieser Tag. Auch irgendwie eine erleichternde Erkenntnis, oder? Egal, was du erreichen möchtest – alles, was zählt, ist der heutige Tag.

Das heißt zum Beispiel auch: Die Janina muss gar nicht dazu entscheiden, ein ganzes Buch zu schreiben. Ich muss nicht wissen, ob ich das schaffe. Die einzig wichtige Frage lautet, ob ich heute etwas schreibe? Ob ich heute das tue, was mir guttut? Ob ich heute freundlich mit mir selbst sein kann?

Auch du musst dich nur fragen, ob du – was auch immer – jetzt geraden schaffen kannst. Diese eine Sache machen, diesen einen Schritt gehen. Was ist dein persönliches „Für heute“?

P.s. Sprich mal „heute“ zwanzigmal nacheinander aus. Ist irgendwie ein ganz schön komisches Wort, wenn man zu lange drüber nachdenkt – heuteheuteheutheute …

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